So belanglos wie LED Kerzen… | Tag 10823

10822 wird ein ruhiger Tag werden. Melina und ich haben frei, verbringen die meiste Zeit in der Wohnung.

Bis auf Vormittags, da gehen wir spazieren. Während wir eine unserer Standard-Runden drehen, biegen wir an einer Stelle in ein unbekanntes Gebiet ab. Obwohl uns nur 500 Meter vom Bekannten trennen, sieht alles anders aus. Manchmal muss man nicht weit reisen, sondern einfach vom Weg abkommen. Das fällt in gewohnter Umgebung schwerer. Zumindest geht es mir so.

Zurück in der Wohnung essen wir zu Mittag und schauen Gilmore Girls. Diese alte Serie, die ich zum gefühlt 5. Mal sehe (soviel zu allzu bekannten Dingen) schafft es immer noch Menschen zu unterhalten und zu berühren. Ich denke weil sie früh Dinge anders gemacht hat. Starke unabhängige Frauen, der Fokus auf komplexe Kommunikationen und Beziehungen. Die Serie zeigt kaum sexualisierte Inhalte. Alles bleibt unterschwellig und lässt dem Zuschauer Raum für die eigene Vorstellung.

Wer sich nicht durch den, in die Jahre gekommenen, Look und die 8 Staffeln abschrecken lässt, bekommt eine Serie voller gut geschriebener Charaktere, subtilem Humor und Tiefgang.

Ich verbinde das mit meiner Jugend. Eine Freundin hatte mich davon überzeugt, dass es nicht nur für Frauen sei. Hat mir und meiner Entwicklung als Junge gut getan.

Melina versucht zu flechten. Sie ist angespannt weil es nicht funktioniert. Um etwas Neues zu lernen, braucht es Übung. Viel Übung. Das setzt Durchhaltevermögen voraus. Immer wieder Scheitern., dranbleiben. Disziplin. Hat man die nicht, wird es, wenn man kein Kind mehr ist, schwer.

Sie hat sich außerdem neue Kopfhörer gekauft. Hauptsächlich wegen Noise Cancelling. Für die langen USA Busfahrten im Januar.

Nach einem Mittagsschlaf schauen wir kurz bei meiner Mutter vorbei. Wir sprechen über die schwierige Situation mit Oma und wie Melina und ich in Zukunft wohnen könnten. Der Gedanke an einen hohen Kredit macht mir Angst. Ich habe das Gefühl nichts schränkt mich mehr in meiner Freiheit ein, als die Verpflichtung große Summen Geld zurückzuzahlen. Gleichzeitig verstehe ich, dass Melina die Wohnung zu klein wird. Dass sie sich einen Rückzugsort wünscht. Dass sie daran denkt, dass wir irgendwann eine Familie gründen. Meine zweite Angst ist, wir könnten beginnen Dinge anzusammeln.

Abends sehen wir für einige Momente die sehr schlechte neue Justin Bieber Dokumentation auf Amazon Prime. Es ist eigentlich ein Konzertfilm, zwischendrin mal eine belanglose Szene aus dem Leben des Sängers und seiner Frau. Permanentes sich selbst in den Himmel heben. Alles wirkt irgendwie unecht. Wie eine dieser schrecklichen elektrischen Kerzen, die bei meiner Mutter stehen. Man sieht etwas, dass Gefühle auslösen soll. Aber es fehlen Geruch, Wärme und Geräusche.

Was macht eine gute Dokumentation aus? Also die echt Kerze, um diesen Vergleich weiterzuführen.

Für mich sollte eine Dokumentation kritisch sein, sollte Realität abbilden, sollte uns, den Zuschauern, etwas bieten, das wir nicht kennen, aber trotzdem nachvollziehen können. Eine gute Dokumentation sollte verschiedene Meinungen zulassen, echte Emotionen zeigen, Wahrheit, Tiefe.

Um diesen Tag abzuschliessen, hier meine drei, bis zu diesem Tag, liebsten Dokumentationen.

Grizzly Man zeigt einen, sich der Gesellschaft nicht zugehörig fühlenden, Mann, der sein Leben in Gesellschaft von wilden Bären verbringt…bis er gefressen wird)

Some Kind of Monster zeigt die größte Heavy Band, Metallica, die fast am Erfolg und zu großen Egos zerbricht)

One More Time with Feeling zeigt den Künstler Nick Cave, wie er nach dem tragischen Tod einer seiner Söhne, wieder beginnt ein Album zu schreiben.

Bis morgen an Tag 10823.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?
Schreib’s in die Kommentare.

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Bescheidenheit | Tag 10818

Es ist Tag 10818. und wieder Zeit für einen Besuch bei Oma. Ich fahre den Rhein entlang. Fahre für ein paar Minuten rechts ran, weil die Szene einfach wunderschön ist. Die Menschen in ihren Autos hinter mir sind auf dem Weg zur Arbeit. Pünktlich. Für mich sind sie in diesem Moment nur ein Hintergrundrauschen.

Da wären wir wieder beim Thema. Was musste ich aufgeben, dass ich statt im Auto zur Arbeit, am Rheinufer sitze? Das was ich aufgegeben habe sind neue Dinge, die nichts anderes tun als die alten Dinge. Ich habe einige Ablenkungen aufgegeben, die Geld kosten. Habe aufgehört zu glauben, dass eine große Auswahl von allem, glücklicher macht.

Also sitze ich in meiner alten schwarzen Jeans und meinem einfachen Kapuzenpulli am Rhein. Brauche nichts außer Zeit.

Der einfachste Weg schnell ein Stück freier zu sein, ist die eigenen materiellen Ansprüche nach unten zu schrauben. Wenig zu brauchen schafft Chancen. Künstlerischer, intellektueller und emotionaler Art.

Das klingt übrigens schwerer als ist. Wenn uns bewusst wird, dass Gekauftes selten ein Bedürfnis befriedigt, das in uns selbst wächst, sondern durch äußere Einflüsse, beginnen wir umzudenken. Dann realisieren wir, dass Bescheidenheit der Schlüssel zu einem erfüllten Leben sein kann.

Das heißt nicht, dass wir keine großen Ambitionen haben dürfen. Ich will nur sagen, dass es helfen kann anzuerkennen, dass man am Leben ist. Das ist die Grundlage. Die Basis. Bescheiden sein in der eigenen Existenz.

Wir schichten immer mehr auf unser Leben. Sammeln an. Halten Dinge für notwendig.

Nichts ist notwendig. Nicht der Job. Nicht das Auto. Nicht die Anerkennung. Noch nicht einmal die Liebe, auch wenn uns das am schwersten fällt. Notwendig ist nur, dass wir existieren. Bis wir es dann nicht mehr tun. Die bescheidenste Art zu sein.

Es gibt eine Menge erfolgreicher, materiell bescheidener Menschen. Konfrontiert mit großen Mengen Geld, verstehen sie, dass Konsum nur vom eigentlichen Sinn und der eigenen Weiterentwicklung ablenkt. Es lenkt davon ab ein Mensch zu sein, zu existieren.

Wal Mart Gründer Sam Walton fuhr einen Pick-up weil es damit einfacher war seine Hunde mitzunehmen. Großinvestor Warren Buffett wohnt seit 1958 im selben Haus. Facebook Gründer Mark Zuckerberg trägt einfache Shirts und Jeans. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad flog stets in der Economy Klasse.

Diese Sätze klingen für die Meisten immer unverständlich. Warum kauft jemand kein teures Auto, kein teures Haus, keine teure Kleidung und kein Privatjet, obwohl sie oder er es könnte? Diese Menschen mussten oder müssen nichts beweisen. Sie spielen keine Bescheidenheit vor. Sie tun es aus Überzeugung. Geld verändert zwar die eigenen Möglichkeiten, was aber noch lange nicht heißt, dass man sein Konsumverhalten dem steigendem Konto anpassen muss.

Materiell bescheiden zu sein, hält uns auch davon ab, persönlichen Erfolg, zu sehr mit finanziellem Erfolg in Verbindung zu bringen. Van Gogh verkaufte vor seinem Tod ganze zwei Bilder. Was nicht ausschließt, dass er zu Lebzeiten zufrieden mit seiner Arbeit war… ohne zu wissen, für wie viele Millionen seine Bilder heute verkauft werden.

Um meine Gedanken zur Bescheidenheit zum Abschluss zu bringen, muss ich kurz zum Regisseur Werner Herzog kommen. Er ist mittlerweile über 80, war und ist unglaublich produktiv und wird unter Filmemachern hoch geschätzt. Sein Leben lang hat er intuitiv und ohne große Budgets Filme gemacht. Schnell und unmittelbar. Seine Kunst, sein Ausdruck als Ziel.

Während eines Vortrags auf einem Filmfestival sagte er, dass es heute keine Entschuldigung dafür gäbe, seinen ersten Film nicht zu drehen. Alles was man bräuchte, wären 10000 Dollar. Dann müsste man einfach nur beginnen.

Das ist die Art von materieller Bescheidenheit, die künstlerische und kreative Freiheit schafft.

Am Abend sehe ich ein Podcast Interview mit ihm, dass in seinem Haus in Los Angeles stattfindet. Der Raum wirkt unscheinbar, funktionell. Bücherregale und einfache Möbel. Ein so angenehmes Bild.

Bis morgen.
An Tag 10819.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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Sich permanent selbst in die Augen schauen | Tag 10814

Ich verlasse an Tag 10814 nicht die Wohnung, liege lange im Bett, schaue mir Dinge online an und schlafe immer wieder ein. Dieser Satz liest sich für mich wie ein absoluter Albtraum, aber ich spüre, dass ich so einen Tag brauche.

Ich genehmige mir teilnahmslos zu sehen und zu hören, bin nicht wirklich in der Lage etwas aufzunehmen oder zu verarbeiten. Alles wirkt entspannt und fließt an mir vorbei. Fühle mich leicht benommen.

Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat, mit seinem unverkennbaren deutschen Akzent, mal folgendes gesagt: „Never show anything to anyone in a documentary, they become self conscious“ Dieser Satz richtete sich an Dokumentar-Filmer. Sie sollten den portraitierten und befragten Personen kein Material im Prozess zeigen. Das würde dazu führen, dass sie sich selbst bewusst wahrnehmen würden, und das wiederum führe zu Hemmung und Unsicherheit. Aktuell bin ich konfrontiert mit permanenter Selbstdokumentation und Selbstinszenierung. Natürlich will ich das so, was nicht heißt dass es nicht auch bei mir zu Hemmung, Unsicherheit und Selbsthass führt. Sich permanent selbst in die Augen schauen, kann geistig leer machen.

Das einzige, dass nicht liegen bleibt ist das Video für den nächsten Tag. Ich lade es hoch, kurz bevor Melina um halb 6 wütend emotional von der Arbeit kommt. Sie muss verbal Frust ablassen. Während ich das hier schreibe, kocht sie sich Abendessen.

Wir haben beide Ablenkung nötig. Also schauen wir die neue Folge Ted Lasso. Eine Serie rund um einen American Football Trainer, der Coach eines Premier League Clubs wird. Sport steht, neben zwischenmenschlichen Beziehungen, dabei nur an zweiter Stelle. Die Serie ist kurzweilig, hat aber trotzdem Tiefgang. Vielleicht vergleichbar mit „Scrubs“.

Mit 7 Emmys ausgezeichnet und einer Imdb Bewertung von 8,8 in den USA schon lange kein Geheimtipp mehr, geht sie in Deutschland etwas unter, weil Apples Streaming Dienst, der die Serie exklusiv zeigt, bei uns wenig verbreitet ist.

Uns fehlt beiden Energie, deshalb bleiben wir liegen und öffnen die ARD Mediathek. Schaut ihr regelmäßig „Tatort“? Wir nicht.

Ich habe immer das Gefühl, dass die Qualität doch stark schwankt. An diesem Montag-Abend sorgt Lars Eidinger dafür, dass wir „Borowski und der gute Mensch“ eine Chance geben. Eidinger spielt darin zum wiederholten Mal den Serienmörder Kai Korthals. Es ist ein moderner Film, der sich nicht davor scheut verstörend gewagte Szenen zu zeigen. Mutig für einen Film der um viertel nach 8 ausgestrahlt wurde. Die Musikauswahl erinnert mich in den besten Momenten sogar an die Art, wie es auch Tarantino macht. Drastische Darstellungen mit Musik unterlegen, die für sich selbst eine andere Energie ausstrahlen würde. Szene und Musik gemeinsam erzeugen aber dann eine Spannung, die schwer zu erklären ist. Im Fall von „Borowski und der gute Mensch“ z.B. eine Tötungsszene, unterlegt mit deutschem Schlager. Der Soundtrack im allgemeinen ist stets bemüht Spannung aufzubauen. Für mich einen Tick zu viel. Eidinger ist weiterhin einer der besten deutschen Schauspieler. Man könnte ihn sich in großen Hollywood-Produktionen im Stil von Joker vorstellen. Ganz wenige sind in der Lage so im Moment zu sein. Diese Spannung im Gesicht, als würde es implodieren. Es zeigt den Zwiespalt von Menschen mit psychischen Störungen und macht den inneren Kampf des dargestellten Mörders für uns sichtbar. In wenigen Momenten fällt das Niveau ab. Dann gibt es mal eine Dialogzeile die überflüssig, einen Moment der unlogisch oder eine schauspielerische Leistung die nicht überzeugend ist. Das fällt aber nicht ins Gewicht. „Borowski und der gute Mensch“ ist definitiv empfehlenswert, auch für Menschen, die keine Tatort Fans sind.

Ich möchte Tag 10814 mit einem Zitat aus dem Film Himmel über Berlin enden. Dort heißt es:

„Zeit wird alles heilen, aber was ist wenn die Zeit selbst die Krankheit ist“

Bis morgen.
An Tag 10815. Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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