Eine Route durch die USA | Tag 10805

Heute ist mein 10805. Tag am Leben. Und er beginnt mit einem Frühdienst. Der Vorteil heute morgen…Für Melina tut er das auch auch. Das heißt die hochmotivierte Fahrgemeinschaft startet um 5:45 Uhr

Unser Job ist es Ansprechpartner zu sein. Wir unterstützen Jugendliche mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten in Wohngruppen beim Alltag. Das heißt nicht, dass wir jedes Bedürfnis befriedigen, sondern eher dass wir Sicherheit und einen Rahmen schaffen, in dem sich die jungen Menschen Dinge zutrauen und wachsen können. Das, was im klassischen Sinn die Familie auch tut.

Der Unterschied zur Familie ist Professionalität und Distanz. Wir sind für 8 Stunden dort. Dann gehen wir. Das gehört zur Struktur und ist nicht verhandelbar. Es schafft Abstand und sorgt dafür, dass Bewohner, sowie Mitarbeiter sich nicht zu sehr binden. Auch wenn es einem viel bedeutet Menschen zu begleiten und Vorbild zu sein. Am Ende ist es ein Job. Das darf man nicht vergessen.

Wer sich vielleicht beruflich umorientieren möchte und sich diese Art von Arbeit als erfüllend vorstellen kann, sollte ein Praktikum machen. Das ist fast immer möglich. Auch als Quereinsteiger. Genug aus diesem Teil meines Lebens.

Wir kommen um halb 3 nach Hause. Ich habe bis jetzt ein Vollkornbrot und einen kleinen Becher Fruchtpüree gegessen. Also fahren wir nach Wiesbaden, zu einem asiatischen Imbiss, dessen Mitarbeiter mittlerweile wissen, dass wir Sommerrollen und Yaki Udon mit Tofu bestellen. „Immer das gleiche“, sagt er als wir bestellen und lacht ohne es böse zu meinen. Ja, immer das Gleiche. Typisch deutsche Eigenschaft oder weltweites Phänomen? Mein Vorsatz fürs nächste Mal….etwas anderes bestellen. Das ich mir so etwas vornehmen muss.

Wir essen aktuell hin und wieder günstiger, anstatt in unseren Lieblingsrestaurants, weil wir uns einbilden so zumindest etwas Geld für die USA Reise einzusparen. Sparen würde heissen, überhaupt nicht mehr Essen zu gehen, aber es gehört zu uns und unserem Leben. Sich komplett zu verbiegen würde auch keinen Sinn machen.

Ich habe mir in den letzten Tagen eine USA-Reiseroute zusammengebastelt, die höchstwahrscheinlich zu ambitioniert ist. Wir landen am 01. Januar im kalten New York City, bleiben einige Tage und besuchen dann die historischen Städte der Ostküste (also Boston, Philadelphia, Washington D.C.). Durchgefroren bewegen wir uns im Greyhouns-Bus Richtung Süden durch North Carolina, South Carolina, Georgia bis nach Florida. Vielleicht einige Tage in Miami, dann weiter in den Westen. Durch die Süd- Staaten, Alabama, Mississippi nach Louisiana mit New Orleans als Aufenthaltsort für einige Tage. Dann Austin, Texas, das von Vielen als weltoffen, musikalisch und divers beschrieben wird. Es folgt die Reise durch Arkansas, nach Tennessee. Dort Zeit in Memphis und Nashville. Laut Planung im Kopf ist es Ende Februar und wir steigen wieder in den Greyhound der uns nach Chicago bringt. Zwei Drittel der Reise sind abgeschlossen und mit einem Highlight beginnt das letzte. Wir fahren mit dem California Zephyr! Einem der bekanntesten Züge der USA. Dieser Zug bringt uns in den Westen. Mit Panoramaausblicken Von Chicago nach Salt Lake City. Von dort mit einem Mietwagen 1381 km durch die natürliche Schönheit der Staaten Idaho, Oregon und Washington, um dann in Seattle anzukommen und vielleicht einige Tage zu bleiben. Dann bewegen wir uns, an Portland vorbei, Richtung Süden nach Kalifornien, wo wir schon 2018 einige Tage in San Francisco und Los Angeles verbracht haben. Am 24.03.2022 fliegen wir dann, hoffentlich voller neuer Erfahrungen, von LA zurück nach Frankfurt. Die Route wirkt vielleicht etwas einschüchternd, aber es stehen uns 3 Monate zur Verfügung um das Land zu erkunden und uns dabei Zeit zu lassen.

Wir spazieren durch Wiesbaden. Es ist Samstag Abend und die Menschen genießen die Zeit in der man noch ohne Winterjacke draußen sitzen kann. Kinder spielen auf den Spielplätzen und wir drehen uns in einer halbgeöffneten Metall-Kugel. Wie sich herausstellt ist dieses Gerät in der Lage einen in kürzester Zeit an die Schwelle zum Erbrechen zu bringen. Geht das nur Erwachsenen so? Wahrscheinlich schon… Wir gehen auf der Wilhelmstraße vorbei am, im Bau befindlichen ,Museum für moderne Kunst, das vom Japaner Fumihiko Maki entworfen wurde. Es soll ca. 50 Millionen Euro kosten und im Dezember 2021 fertiggestellt sein. Das Museum beherbergt die, 700 Stücke umfassende, Privatsammlung von Reinhard und Sonja Ernst und deren Stiftung.

In der Fußgängerzone kaufen wir veganes Schokoeis für 1,70 die Kugel. So viel zum Thema sparen. Es ist aber einfach super lecker. Und das ist es am heutigen Tag wert.

Nachdem wir zurück sind und ich nach einer Stunde Schnitt fertig mit dem aktuellen Film bin, wird es emotional. Ich komme mit laufendem Laptop aus dem Büro und setze mich zu Melina aufs Bett, die gerade eine Serie schaut. Ich sage nichts, wirke aber erwartungsvoll und sie weiß, dass sie sich gleich etwas anschauen soll. Ich warte einige Minuten ab bis ihre Serie fertig ist, bevor ich das erste Mal den Mund aufmache. „Ich würde dir gerne etwas zeigen“. Ihre Reaktion trifft mich völlig unerwartet: Sie atmet schwer, genervt und ablehnend. Ich werde von einer auf die anderen Sekunde emotional. Fühle mich verletzt, zurückgewiesen und habe das Gefühl, dass sie sich niemals für das interessieren wird, was ich tue. Ohne etwas zu sagen, verlasse ich den Raum, Tränen in den Augen. Sie mir hinterher. Es dauert einige Zeit bis wir in der Lage sind unsere Gefühlslage zu besprechen.

Ich konnte in diesem Moment nicht verstehen, dass es für sie nicht darum geht, ein 5 Minuten Video zu schauen, sondern um mehr. Es geht um die permanente Konfrontation mit dem Medium Film. Ständig erzähle ich etwas, oder filme, oder schneide. Sie ist häufig Teil der Aufnahmen. Das überfordert und entlädt sich in diesem kleinen Moment nach der einfachen Aussage „Ich würde dir gerne etwas zeigen“ auf die ich extrem reagiere, weil diese 5 Minuten das sind, worüber ich mich definiere. Es ist eine Situation in der man versteht, dass Wahrnehmung subjektiv ist. Das Beweggründe unterschiedlich sind. Niemand hat Recht oder Unrecht. Man muss nur versuchen den anderen zu verstehen.

Grundlegende Empathie.

Bis morgen.
An meinem 10805. Tag.
Welcher Tag ist heute für dich?
Und was macht ihn besonders?
Schreib’s in die Kommentare.

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