Einsamkeit | Tag 10820

Tag 10820 beginnt mit Frühdienst. Ich warte zwei Stunden bis der erste ausgeschlafen hat.

Schlimmer als mit Menschen zusammenwohnen zu müssen,
die man sich nicht aussucht, ist wohl nur die Einsamkeit.

(Auszüge aus einer regionalen Werbezeitung)

„Ich bin der Mann, der bleibt, treu, lustig ist, dich verwöhnt. Otto, 82 Jahre, 1,8 m. Seit 18 Monaten verwitwet und bin vom Kopf frei für einen neuen Lebensabschnitt. Ich bin ein lustiger, charmanter, mittelschlanker Herr mit den Hobbys: Kreuzfahrten, Gesellschaftsspiele und Kreuzworträtsel, welche ich gerne zusammen mit Ihnen lösen möchte. Suche eine natürliche Partnerin in meinem Alter, hier aus der Region, für gemeinsame Unternehmungen oder bummeln im Park.“

Otto, 82

„Er, ende 50, sportlich, gepflegt, finanziell großzügig, sucht Frau für lockere Beziehung.“

Anonym

Elfie, 62 Jahre: „Sparsam, nachgiebig, mit schöner weiblicher Figur, früh verwitwet. Suche einen lieben Gefährten, der eine ehrliche, fürsorgliche Frau vermisst. Habe Sehnsucht nach Zweisamkeit, möchte wirklich nicht länger alleine bleiben, könnte dich kurzfristig mit einem Auto besuchen.“

Elfie, 62

Einsamkeit ist nicht erst seit der Pandemie ein Problem und betrifft auch nicht nur die Alten. Studien zeigen, dass Einsamkeit das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Depressionen, Demenz und einen frühen Tod erhöhen. Wohl so schädlich wie Adipositas oder Rauchen.

Die Altersgruppe, die prozentual am einsamsten ist: Mittdreißiger. 18 Prozent der Menschen zwischen 30 und 34 fühlen sich demnach einsam.

Woran liegt das? An fehlenden Beziehungen? Freundschaften? Ist Social Media ein Auslöser? Oder sind die Erwartungen an einen potenziellen Partner, einen Freund, oder sich selbst, einfach zu hoch?Vielleicht spielt die Angst sich zu binden, und damit die Angst zu altern eine Rolle. Es ist nur möglich Fragen zu stellen. Beantworten muss sich das jeder selbst.

Ausgerechnet die FDP hat im Mai 2019 eine kleine Anfrage, zum Thema, an die Bundesregierung gestellt, nachdem „die Linke“ das schon vor einigen Jahren getan hatte.

Im Vorwort der Anfrage ist von „erheblichen, gesamtwirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen“ für die Gesellschaft die Rede.

In Japan, Großbritannien, Dänemark und Australien würde Einsamkeit bereits als ein ernstzunehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit wahrgenommen.

In 15 Fragen will die FDP in ihrem Schreiben wissen, ob die Bundesregierung Einsamkeit als Problem begreift und welche konkreten Maßnahmen und Initiativen umgesetzt werden sollen.

Die Beantwortung bleibt auf 7 Seiten meist vage.

Hier zwei Zitate der Bundesregierung:

„Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass Einsamkeit als ein gesamtgesellschaftli- ches Phänomen angesehen wird, das diverse Lebensbereiche berührt und sich in der Arbeitswelt, im Freizeitverhalten, in der Gestaltung sozialer Beziehungen und generell in der Partizipation am Leben in der Gemeinschaft manifestiert. Angaben über Einsamkeit spiegeln in ganz allgemeiner Form gesellschaftliche Verände- rungen wider – die Einengung auf den Bereich der öffentlichen Gesundheit wäre eine unangemessene Verkürzung der Bedingungen und Auswirkungen von Ein- samkeit.“

Bundesregierung

„Außerdem können auch die Instrumente und Maßnahmen der Arbeitsförderung und der Grundsicherung für Arbeitsuchende, die in den Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales fallen und die die Eingliederung in Arbeit zum Ziel haben, mittelbar als Maßnahmen zur Verringerung von Einsamkeit angesehen werden. Denn Arbeit bedeutet zugleich Teilhabe, soziale Kontakte und Anerkennung. Somit ist Arbeit nicht nur wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern auch für jeden Einzelnen.“

Bundesregierung

Die Arbeit ist also der Schlüssel. Ist ja nicht ganz falsch, aber einfach richtig deutsch.

Es ist außerdem die Rede von Mehrgenerationenhäusern, es gibt wohl 540 davon. Niedrige zweistellige Millionenbeträge stehen einigen Initiativen zur Verfügung. Ein Tropfen auf den heissen Stein.

Auch wenn die Einsamkeit ein eher subjektives Phänomen ist, gibt es auch Menschen, die objektiv betrachtet, einfach isoliert sind. Diese Menschen sind häufig in einer sozial, sowie wirtschaftlich prekären Situation.

Der Staat könnte handeln, könnte Kampagnen starten, könnte Studien in Auftrag geben und Konzepte umsetzen. Vereinsamung bekämpfen. Auch wenn das Alles für Politik schwer zu greifen ist. Es wäre mehr möglich und nötig. Gerade nach diesen zwei Jahren im Ausnahmezustand.


Ich habe gestern schon kurz den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf erwähnt. Und ich muss schon wieder an ihn denken. Der Mann hat Jahre gegen einen Hirntumor gekämpft und alles in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ festgehalten. Der ist übrigens immer noch online und hat nichts an Kraft verloren.

Es gibt eine Suchfunktion. Und wenn man da „einsam“ oder „Einsamkeit“ eingibt, werden nur wenige Einträge angezeigt. Obwohl es keinen einsameren Weg gibt. Keinen persönlicheren. Der Weg in den Tod. Trotzdem schreibt er nicht direkt davon, sondern es klingt in fast jedem Beitrag einfach mit.

Am 7.11. 2010 um 15:05 Uhr schreibt er:

„Wohnungsbesichtigung in Charlottenburg. Der Versuch, mein Leben nicht in einer dunklen 1-Zimmer-Hinterhofwohnung ausklingen zu lassen, erweist sich als schwierig. Nie im Leben einen Pfennig Schulden gehabt, durch Tschick Geld wie Heu auf dem Konto, aber kein Einkommensnachweis. Ohne Bürgschaft meiner Eltern käme ich an keine Wohnung ran. Auch insofern vorteilhaft, sie nicht zu überleben. Die Wohnung allerdings nicht besonders schön, beim Blick ins Badezimmer sehe ich die zukünftige Blutlache auf den Fliesen, und weitere Besichtigungen schaff ich nicht. Macht alles zu viel Umstände. Allein die Angst vor dem Papierkram.“

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur Blog

28.11. 2010 19:34

Spazierengegangen Richtung Alexanderplatz. Über den Jahrmarkt gelaufen, mit der Wilden Maus gefahren. Die Einsamkeit der letzten Jahre.

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur Blog

Herrndorf beging am 26. August 2013 Selbstmord. Er schoss sich in der Nähe des Strandbads Plötzensee mit einem Revolver in den Kopf. Der Revolver liegt im deutschen Literaturarchiv Marbach. Ich weiß nicht ob ich das makaber finde, oder nicht.

Bis morgen an Tag 10821.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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Die Alten sind schuld?! | Tag 10816

Am Abend des 10816. Tags höre ich Peer Steinbrück bei Markus Lanz über zentrale Themen sprechen, die in der öffentlichen Debatte und im vergangenen Wahlkampf, seiner Meinung nach, unterrepräsentiert waren. Als Themen nennt er die gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels, die Finanzierung des Rentensystems und stellt dann folgende Frage, die mich seitdem beschäftigt:

Wie entwickelt sich eine Gesellschaft die immer älter wird, (…) und auf Status-Quo Interessen orientiert ist. (…) Wie ist es um die Innovationsfähigkeit und um die Neugier einer Gesellschaft bestellt, die immer älter wird?

Wir reden häufig von notwendigem Fortschritt, gesellschaftlicher Progression. Den Klimawandel stoppen. Dabei vergessen wir, dass jüngere Menschen eine Minderheit sind. Eine Pressemitteilung des statistischen Bundesamt vom 30. September 2021, spricht davon, dass sich die Zahl, der im Rentenalter befindlichen Personen bis zum Jahr 2035 um 16 Prozent auf 20 Millionen erhöhen wird.

Wir erwarten also Neugier von Menschen, denen die moderne Welt immer fremder wird. Menschen, die aus Unsicherheit beginnen, Ängste zu entwickeln. Außerdem sind wir der Meinung, dass die Lebensweise dieser Generation unsere aktuell so schwierige Lage ausgelöst hat.

Die Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft, die zu viele Autos besitzt und fährt, die überall hin fliegt, die Wasser verschwendet und jeden Tag Fleisch ist. Sind wir denn heute wirklich so anders?

Wir vergessen dass unsere Unbeschwertheit auf diesem Leben aufgebaut ist. Wir vergessen, dass wir, die jüngeren Generationen, in der Lage sind, Zustände in Frage zu stellen, weil es uns an nichts fehlt. Es fehlt uns nicht an Materiellem und häufig auch nicht an emotionaler familiärer Zuwendung.

Die Rentengenerationen von heute haben zwar größtenteils nicht mehr den Krieg erlebt aber sie wurden in der Nachkriegszeit sozialisiert. Die Gesellschaft brauchte Sicherheit und neigte sich hin zum Konservativen. Ohne viel Risiko ein strukturiertes Leben führen. Nicht zu viel hinterfragen. Eine Norm. Ein Standard. Eine Gesellschaft, die nach dem Kriegstrauma, wieder funktionieren musste.

In dieser Zeit wuchsen die Rentner von heute auf. Das sollte uns bewusst sein, wenn wir fordern nach vorne zu denken, Lebensstile zu verändern oder Risiken einzugehen.

Es geht kein Weg daran vorbei. Dinge müssen sich verändern. Aber wie können wir als Gesellschaft und Politik, vorsichtig Neugier wecken? Vielleicht sind die „Fridays for Future“ Bewegungen zu laut, zu forsch. Sie lösen bei vielen Gegenreaktionen aus. Was nicht heißt, dass sie nicht absolut notwendig sind.

Die Frage ist doch, schaffen wir es, einen konstruktiven Ton in der Debatte zu finden, der auch ältere Menschen einlädt in die Zukunft zu denken? Schafft es die gespaltene Gesellschaft sich wieder anzunähern. Die Alten sind nicht die Bösen weil sie nicht tun was nötig ist. Sie haben einfach Angst. Sie hatten und haben ein gutes Leben. Sie wollen keine Veränderung.

Und trotzdem ist es nötig sie zu erreichen, sie mit ins Boot zu holen. Weil es eben um die Zukunft geht.

Der Regisseur David Lynch sagte: „Wenn Menschen älter werden, schließt sich ihr Fenster zur Welt“

Wir sollten alles daran setzen, dass sich diese Fenster nicht schließen. Anschuldigungen sind ein sicherer Weg, dass genau das passiert.

Vielleicht sollten wir älteren Menschen zutrauen zuzuhören, auch wenn die Worte nicht aus Megafonen dröhnen.

Bis morgen.
Tag 10817
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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