Außenseiter für eine Nacht | Tag 10825

An Tag 10825 sitze ich nachts in einem Parkhaus. Habe meinen Laptop und eine Packung Spekulatius bei mir und schreibe.

Vor vier Stunden habe ich Feierabend gemacht Dann zur Wohnung unserer Freunde um Melina und Lisa nach Mainz zu fahren. Sie wollen auf eine Party. Seit Ewigkeiten mal wieder. Ich werde meine Zeit draußen und schlafend im Auto verbringen.
Weil ich das so will und ich den Beiden damit einen kleinen Gefallen tun kann.

Als ich ankomme spielen sie Mario Kart und trinken Gin Tonic. Für mich ist eine Pizza im Ofen und Snacks sind vorbereitet. Ab 10 ist Einlass. Auf keinen Fall zu früh da sein.

Die Beiden verabschieden sich und werden eine gute Zeit haben. Mal wieder zusammen rauskommen. Neue Menschen, etwas trinken und tanzen. Wobei das Tanzen der kleinste Bestandteil ist. Weil unangenehm. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz ist lang.

Ich verbringe die Nacht auf meine Art. Liebe es als Unbeteiligter unterwegs zu sein. Menschengruppe für Menschengruppe fließt vorbei. Ausgelassen. Laut. Jung. Wolken aus Parfüm.

Ich bin Außenseiter. Muss nichts erfüllen. Filme und gehe und denke. Ich genieße diese Geräusche, diese Spannung der nächtlichen Stadt. Mit allen Sinnen. Ganz klar.

Vorbei an Erbrochenem und Glas auf dem Boden. Die Polizei fährt durch die Straßen. Krankenwagen-Sirenen. Ausgepumpte Mägen.

Ich bin ein Außenseiter. Isoliert für eine Nacht. Außer mir sind da andere. Ein Mann fragt die Menschengruppen nach leeren Flaschen. Ein Mann sitzt allein am Tisch und trinkt Wein. Ein Mann sitzt allein vor einem Spielautomaten und drückt immer wieder auf einen Knopf. Keine Frau allein vor Wein oder Glücksspiel.

Ich habe Zeit. Viel Zeit um irgendwo rumzustehen und mir Dinge anzusehen, an denen alle anderen vorbeigehen. Ohne einen Blick. Das ist mein Glück dieser Nacht. Nur für mich. Isoliert. Als Außenseiter für eine Nacht.

Um halb eins betrete ich durch eine, nach Pisse stinkende, Schleuse das Parkhaus und richte mich ein. Ich hab alles dabei. Aus der Bluetooth-Musikbox liest Dave Grohl vor. Irgendwann schlafe ich ein. Die Packung Spekulatius leer neben mir. Bis mich um 3 der Anruf weckt. Es ist Melina. Sie kommen gleich.

Bis morgen an Tag 10826.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?
Schreib’s in die Kommentare.

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Wahlplakate und Kinosterben | Tag 10800

Heute ist mein 10800. Tag am Leben.
Es ist ein Montag der sich anfühlt wie ein Sonntag. Morgens schneiden und schreiben.
Nachmittags fahren wir nach Mainz.

Wir nehmen uns vor ziellos zu sein. In Städten, die wir kennen, neigen wir häufig dazu die immer gleichen Wege, Parkhäuser und Restaurants zu benutzen und zu besuchen.

Annähernd gelingt es uns heute einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Wenn man Zeit hat, präsentieren sich Szenen: Eine Mutter, die ihren Sohn lautstark darauf hinweist, dass er sie mit seinem Tretroller fast vom Rad geholt hätte, Bauarbeiter während des Feierabends am Spielautomaten, Volle Bushaltestellen. Man fühlt sich seltsam unbeteiligt während man in Sonntagsstimmung vorbeigeht.

Die Stimmung zwischen Melina und mir ist trotzdem angespannt. Planlosigkeit muss geübt werden, sonst führen die fehlenden Routinen zu unerfüllten Erwartungen.

Wir kommen an einem Immobilienmakler-Büro vorbei. Neubauwohnung direkt am Rhein. 90 qm 750.000 Euro, fast ein Schnäppchen für heutige Verhältnisse.

Die Stadt ist voller Wahlplakate. Nicht mal mehr eine Woche bis zur Bundestagswahl und bis zum Ende der Merkel-Ära. Schwer vorstellbar, dass Baerbock, Scholz oder Laschet das Land grundsätzlich verändern werden. Zu viel Coaching, auswendige Antworten, Vorhersehbarkeit. Jede Partei sucht den Konsens um bei der Wahl nicht abgestraft zu werden. Die Angst eines Shit-Storms geht um. Warum erwartet unsere Gesellschaft diese weisse Weste? Warum geht es uns um den Politiker als Privatperson, als wären sie Teilnehmer einer Reality TV Show? Wir wollen überhaupt keine Inhalte. Wir wollen uneingeschränkte Skandalfreiheit und gleichzeitig authentische Emotionalität. Wir wollen einen empathischen Menschen ohne Makel und ohne Abgrund… ohne zu verstehen dass sich beides ausschließt.

Es ist jetzt halb 5 und wir möchten „Dune“ sehen. Ein dunkles Science Fiction Epos basierend auf den Romanen von Frank Herbert. Wir sehen, dass es im Capitol läuft, unserem, etwas abgeransten, Lieblingskino,das zusammen mit dem Palatin aktuell um seine Existenz kämpft.
Das Gebäude in dem sich das Palatin befindet wurde verkauft und der Mietvertrag nicht verlängert. Die Schließung würde die Zahl der Filmtheater in Mainz von 4 auf 2 reduzieren. Das Zelebrieren von Film und die Vielfalt des Kinos stehen auf dem Spiel. Bis wir irgendwann nur noch in überteuerten und überdimensionierten Kino-Sälen sitzen. Ohne Individualität, ohne Charme aber mit einem 2 Liter Softdrink im Menü. Hauptsache Klimatisiert und Dolby Atmos … wer braucht da noch Vielfalt.

Wir kaufen zwei Karten. Jeweils 9 Euro, im Original mit Untertiteln.

Vorher bringe ich die Kamera ins Auto. Als ich nach der Film-Vorstellung Filmen möchte ist der Akku leer. Ich habe Vergessen sie auszustellen. Passiert mir regelmäßig. Deshalb bleibt der Bildschirm für die letzten Sätze schwarz.

Dune ist ein fantastischer Film. Er ist erwachsen, düster, visuell außergewöhnlich. Das Sounddesign muss den Oscar gewinnen, der Soundtrack von Hans Zimmer übrigens auch. Dune galt lange zeit als schwer zu verfilmen. Erst wollte es Jodorowsky machen. Der durfte dann nicht, sondern David Lynch, der es in den Sand setzte.

Ich habe die sechs Dune-Romane nicht gelesen, kann mir aber vorstellen, dass der Film den Ton getroffen hat.

Heute wurde gemeldet, dass die USA die touristische Einreise für Geimpfte ab November erlauben. Also im Januar in die USA?

Bis Morgen. An meinem 10801. Tag.
Welcher Tag ist heute für dich?

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