HERZ DER FINSTERNIS | Tag 10835

An Tag 10835 komme ich nach einer Besprechung schon um 12 nach Hause. Ich beginne beim Essen die Dokumentation „Heart of Darkness“ zu schauen, die auf Amazon Prime aktuell kostenlos zu sehen ist. Der Film beleuchtet den Entstehungsprozess von „Apocalypse Now“, Unter schwersten Bedingungen wurde auf den Philippinen gedreht um den Vietnamkrieg so real darstellen zu können wir nur möglich. Problem war nur, dass auf den Philippinen gerade selbst Bürgerkrieg herrschte. Nebenbei musste die Crew mit einem tobenden Sturm umgehen, der Hauptdarsteller erlitt einen Herzinfarkt und so weiter… die Geschichten rund um die Dreharbeiten sind legendär und vielen wahrscheinlich schon bekannt.

Aber dieser Film, heute ein Klassiker, stellt auch Francis Ford Coppolas künstlerischen Höhepunkt dar, bevor seine Filme ab den 80ern nie wieder den Stellenwert von Der Pate I und II oder eben „Apocalypse Now“ erreichen konnten.

In Heart of Darkness, der übrigens von Coppolas Frau gedreht wurde, sieht man ihn, ähnlich wie die Hauptfigur, seinen Verstand verlieren. Das Ausmaß der Produktion übersteigt jegliche Relation während Coppola versucht ein schlüssiges Ende zu schreiben, das Fragen beantwortet, anstatt sie aufzuwerfen. Er, der sein finanzielles Leben für seinen Film auf’s Spiel setzt, ist kreativ blockiert. Fast manisch sieht man ihn an der Schreibmaschine sitzen oder mit dem, in die Jahre gekommenen, Marlon Brando über dessen Rolle diskutieren.

Er kämpft bis zur Erschöpfung. Nimmt das Leiden an. Für seine Kunst. Für sein Werk. Wie es so viele Künstler und Philosophen schon vor ihm getan haben. Das Ausmaß ist jedoch überwältigend und ja, auch inspirierend.

Warum lassen diese entlegenen Orte, fern von Hollywood, die Regisseure und Schauspieler oftmals in ihren eigenen Abgrund schauen? Wie in einem Sozial-Experiment bilden sich ganz eigene Strukturen. Genährt von Drogen, Hitze und Scheinwerferlicht. Wie im Rausch.

Ich kann den Film jedem empfehlen, der etwas übrig hat für künstlerische Aufopferung, für den Kampf mit sich selbst und für den Film der 70er..

Die Dokumentation ist nah dran und zeigt teils drastische Bilder. Wer nicht sehen kann wie ein Ureinwohner-Stamm Schweine und ein Rind auf brutale, rituelle Art schlachten, der sollte eine Szene weiterspringen, wenn diese Schweine, an den Boden gefesselt, zu sehen sind. Ich glaube heutzutage sagt man zu so etwas „Trigger-Warnung“ Ist rituelles Töten eigentlich ein menschliches Phänomen? Zum eigenen Nutzen, ein anderes Leben opfern… ja klingt doch sehr menschlich.

Der Film zeigt auch, wie die Möglichkeit alles zu verlieren, zu einem gewaltigen Ansporn werden kann. Alles Materielle einsetzen für die Kunst für das eigene Leben, gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. Und ist es nicht so? Geld habenkann doch nie das Ziel sein. Nie. Wie leer wäre das Leben nach Erreichen.

Was ist denn Geld wert, wenn man es nicht einsetzt? Wenn man sich der Anhäufung unterwirft und das Leben dabei vergisst.

Melina und ich drehen uns später am Tag wieder mal im Kreis. Das Thema persönliche Weiterentwicklung kommt wieder an die Oberfläche und lässt uns an der Sinnhaftigkeit unserer Beziehung zweifeln, nur Tage nach tiefster Verbundenheit.

Wir können uns nicht in den anderen hineinversetzen. Ich fordere, sie verschließt sich. Ich sehe Chancen, sie spürt Druck. Ich resigniere, sie zweifelt. Dann schweigen wir.

Für mich entsteht Weiterentwicklung nur durch Konfrontation mit sich selbst, durch die Fragen „Was möchte ich?“ und „Wer bin ich?“

Dabei bin ich derjenige der nicht weiß wohin, der unzufrieden ist, der Dinge nicht annehmen kann, der sich belügt. Die Dinge auf sich zukommen lassen, nichts erwarten, so wie es Melina tut. Das ist ein Weg der so viel klarer, so viel ehrlicher ist. Nur bin ich zu beschränkt um das zu verstehen, ja sogar um es zu akzeptieren. Erbärmlich, dieses Verhalten. Getrieben durch den Wunsch zu kreieren, etwas zu hinterlassen, verpasse ich manchmal das Leben selbst. Das heißt nicht, dass ich es bereue viel nachzudenken. Ich kann einfach nichts dagegen tun.

Erst jetzt verstehe ich diesen einen Satz den Melina während unserer Auseinandersetzung sagte: „Ich hasse es mir Gedanken zu machen“

Abhängig von der eigenen Interpretation kann dieser Satz zwei komplett unterschiedliche Aussagen haben.

Bis morgen an Tag 10836.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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