Ausgeliefert sein | Tag 10824

Tag 10824. Wie an den Tagen zuvor, habe ich Probleme früh aufzustehen.
Keine Ahnung woran das liegt. Wahrscheinlich am Herbst und der Dunkelheit.

An diesem Donnerstag besuchen wir Melinas Familie. Wir fahren eine Stunde durch Wälder. Dann kommen wir an.

Um das Haus herum ist die Erde aufgerissen um eine Drainage zu legen. Im Nachhinein aufwendig und kostspielig, aber notwendig. Bei Regen läuft Wasser in den Keller.

Melinas Vater hat einen längeren Krankenhausaufenthalt in zwei Kliniken hinter sich und er erzählt von seinen Erfahrungen. Vom Gefühl ausgeliefert zu sein. Nicht zu wissen was als nächstes passiert. Weil es niemand klar sagt. Kommunikation ist alles. Der Mensch steht viel durch, aber er muss wissen warum. Wenn er das nicht weiß, breitet sich Panik aus.

Abhängigkeit, Angst und zu viel Zeit um nachzudenken. Überfordertes, schlecht ausgebildetes Personal, dass teils vergisst wie wichtig Menschlichkeit ist. Es beunruhigt zu hören, wie groß die Unterschiede zwischen Krankenhäusern sind. Trotz gleichem Träger. Das heißt, dass Konzepte und Systeme schön und gut sind… es aber letztendlich auf die Menschen ankommt, die sich auf den Stationen um Patienten kümmern. Die einen behalten sich, trotz Stress, Empathiefähigkeit und Wärme, die anderen sehen den Beruf nur noch als Belastung. Sehen es als notwendiges Übel. Und das ist absolut nachzuvollziehen. Wir hören alle von zu wenig Personal, von Pflegenotstand. Hundertausende Stellen werden in den nächsten Jahren besetzt werden müssen. Deutschland ist abhängig von Pflegekräften aus dem Ausland. Ob die sich dazu entscheiden nach Deutschland zu kommen wird abhängig davon sein, welche Anreize geschaffen werden.

Das alles ist weit weg, bis man selbst betroffen ist. Dann spürt man auf einmal, was das überhaupt heißt. Was die Krankenhaus-Umgebung mit der Psyche macht. Wie Wochen zur Ewigkeit werden.

Davon zu hören, macht mir ein ungutes Gefühl. Niemand von uns hat es selbst in der Hand. Total egal wie gesund man lebt, wie sportlich. Und dann liegt man auf einmal da. Angewiesen auf Hilfe.

Ich bin froh, dass er es durchgestanden hat. Dass er jetzt zu Hause ist und sich erholt.

Melinas Oma bewirtschaftet einen Garten hinterm Haus. Gemüse, Obst, Hühner. Beeindruckt mich immer wieder. Ich habe selbst absolut keine Ahnung davon. Und in meiner Naivität romantisiere ich die Vorstellung für eigene Lebensmittel körperlich zu arbeiten. Harte, zeitintensive Arbeit.

Würde meinem Körper gut tun, mal wieder gefordert zu werden. Aber nicht immer tue ich das, was mir gut tun würde. Geht uns allen so, nehme ich an.

Bis morgen. Tag 10825.
Welcher Tag ist heute für dich? …und was macht ihn besonders?
Schreib’s in die Kommentare.

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Oma | Tag 10804

Heute ist mein 10804. Tag am Leben.

Ich kaufe Brötchen und frühstücke, wie jede Woche, mit meiner Oma. Es gibt vielleicht drei Wochen, in denen ich es in den letzten Jahren nicht geschafft hätte sie zu besuchen. Als Einzelkind und einziger Enkel liegt auf mir vielleicht etwas mehr Verantwortung als auf anderen. Einkäufe erledigen, Fenster putzen, den Efeu zurückschneiden. Das Aufgabengebiet ist vielfältig, wiederholt sich aber in regelmäßigen Abständen.

Häufig sagen gerade junge Menschen, es selten einrichten zu können, den Großeltern Gesellschaft zu leisten und sie zu unterstützen. Mir ist bewusst, dass wir alle furchtbar beschäftigt mit unseren Leben und unseren Jobs sind. Vielleicht neigt man zu Sätzen wie „Ich würde ja gerne, aber ich habe einfach wenig Zeit“. Ich möchte nicht urteilen. Jede Familiensituation ist einzigartig.

Die Frage, die man sich selbst stellen kann ist aber folgende: „Ist es wirklich die fehlende Zeit oder gibt es andere Gründe, die einen von Besuchen abhalten?“

Für mich hat der Kontakt zur ältesten Generation der Familie eine besondere Bedeutung. Vielleicht weil meine Großmutter das einzig verbliebene Elternteil meiner Eltern ist. Vielleicht weil ich es von klein an gewohnt bin, zusammen mit meiner Mutter, dort Zeit zu verbringen.

Dieser regelmäßige Kontakt sorgte dafür, dass meine Großmutter zu einer wichtigen intellektuellen Inspiration wurde. Ihr ermöglichte der Umgang mit mir vielleicht etwas mehr Verständnis für die Themen jüngerer Menschen. Es war irgendwie eine Beziehung auf Augenhöhe, obwohl viele Jahre zwischen uns lagen.

Mittlerweile hat sich die Situation verändert. Mein Großvater ist seit Jahren tot und Oma wohnt alleine mit ihrem Kater noch in dem kleinen Haus, in dem auch meine Mutter groß wurde. Die weibliche Linie der Familie zeigt ein deutlich erhöhtes Risiko an Demenz zu erkranken. Diese Demenz sorgt mittlerweile dafür, dass sich die Besuche, Gespräche und, in Teilen natürlich auch, die Beziehung verändert. Ihr Leben ist mittlerweile geprägt von Ängsten, Unruhe und dem Kampf gegen das Vergessen. Überall liegen kleine Erinnerungszettel. Im Kalender wird jedes Detail festgehalten, dass nötig sein könnte.

Der Mensch ist in der Lage eine Demenz zu kaschieren. Zumindest oberflächlich. Geht es aber über Smalltalk hinaus, fängt die Fassade direkt an zu bröckeln. Dann fehlt den Antworten teils der Zusammenhang und Aussagen werden willkürlich. Kombiniert mit der festen Überzeugung Recht zu haben, führt das zu Konflikten.

Verändert die Demenz meiner Großmutter etwas an der Regelmäßigkeit meiner Besuche? Nein. Natürlich haben sich die Besuche verändert. Das Kommunizieren fällt schwerer, weshalb ich mittlerweile nur noch 3, statt in der Vergangenheit mehr als 5 Stunden, bleibe. Es ist keine einfache Situation, aber dieser Mensch, dem man so viel zu verdanken hat, braucht mehr denn je, Unterstützung und Gesellschaft. Einfach Zuwendung. Und alles was ich dafür tun muss, ist drei Stunden in der Woche frei machen.

Der Kontakt zu den Großeltern, oder auch zu den Eltern, ist nicht nachzuholen. Wenn wir aus diesem Kontakt keine Priorität machen und ihn nicht über den Job und Freizeit stellen, werden wir es vielleicht bereuen.

Bis morgen.
An meinem 10805. Tag.
Welcher Tag ist heute für dich?
Und was macht ihn besonders?
Schreib’s in die Kommentare.

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