SLACK OFF! | Tag 10829

Tag 10829 beginnt in der Nacht. Bis 3 schneide ich das Taunus Wunderland Video. Ich habe Spaß damit und kann nicht aufhören immer wieder Kleinigkeiten zu verbessern. Dann fängt mein Magen an zu stechen und ich frage mich wie so Geschwüre wohl wachsen. Video exportieren und hochladen. Dann geh ich schlafen.

Ich wache um halb neun auf und bringe Melinas Morgenroutine durcheinander. Video beschriften, veröffentlichen, dann frühstücken. Noch 74 Tage bis Amerika. Ich stelle mir vor wie es sich anfühlt, kurz vor Abflug, und Vorfreude schießt ein. Wie scheisse es wäre, kein Ziel zu haben. Immer weiter wie gehabt.
Mein Gott hab ich Lust auf die Reise.

Ab 1 bin ich allein und entscheide es langsam angehen zu lassen. Ich liege rum, lese, höre etwas, schaue Football Zusammenfassungen.

Dann lege ich mich in die Badewanne. Sowas soll ja entspannen. Melina hat den eigentlichen Abflussverschluss, der sich per Drehrad öffnen und schließen lässt, weggeworfen. Also schneide ich die Metallkette des Küchenspülen-Stöpsels durch und verwende den. Nach 10 Minuten realisiere ich, dass ich es hasse zu baden. Bekomme schlecht Luft, also wieder raus. Ich muss aufhören, dass immer mal wieder auszuprobieren. Führt ja doch zu nichts.

Ich bekomme zufällig mit, dass neue Macbooks vorgestellt wurden. Ein wahnsinniger Sprung in Rechenleistung. Komischerweise interessiert mich das überhaupt nicht. Obwohl ich eigentlich geplant hatte mein 2 Jahre altes Macbook Pro gegen eines der Neuen auszutauschen, merke ich, dass es mir überhaupt nichts bringen würde. Schnelleres Exportieren, längere Akkulaufzeit, besseres Handling großer Dateien. Alles schön und gut. Aber nichts Innovatives. Kein Programm, dass die Power nutzt um etwas was wirklich Neues zu machen. Wir haben genug Leistung. Aber was fangen wir jetzt damit an? Die Antwort kann doch nicht sein immer alles noch ein bisschen schneller und schöner zu machen.

Joanne K. Rowling hat ein neues Buch herausgebracht. Heißt „Jacks wundersame Reise mit dem Weihnachtsschwein“ Ich frage mich wie es sich anfühlen muss, immer am Erfolg von Harry Potter gemessen zu werden. Kein neues Buch von Rowling wird jemals den Erfolg übertreffen. Auf der anderen Seite wird keines ihrer zukünftigen Bücher ein Flop. Eben einfach weil sie ja die Autorin von Harry Potter ist. Und in diesem Zwischenraum bewegt man sich dann als Autorin. Ich hoffe sie sieht das ganz entspannt. Muss ja niemandem mehr was beweisen, die Frau.

Jetzt bleibt nur noch zu sagen. Slack off!

Bis morgen.
Tag 10830 Ciao Kakao

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Wie immer…YAKI UDON MIT TOFU | Tag 10828

Tag 10828. Frühdienst. Dann nach Hause. Video schneiden und weiter nach Wiesbaden.

Es ist schon sechs und Melina parkt ohne Anwohnerparkausweis im Wohngebiet neben dem Einkaufszentrum am Bahnhof.

Wie immer will sie eigentlich doch ins Parkhaus fahren. Sie hat Angst abgeschleppt zu werden oder zumindest einen Strafzettel zu bekommen. Als würde die Möglichkeit bestehen, dass ein Kontrolleur zu dieser Zeit noch arbeitet.

Dann sitzen wir gegenüber von Smyths Toys im asiatischen Imbiss. Nummer 36 Yaki Udon mit Tofu. Wie jedes mal.

Wir lassen uns Zeit, sitzen noch lange nach dem Essen da und reden. Melina macht sich Gedanken um ihre berufliche Zukunft.

Aktuell sagen wir gerne bei allem: „Nach der Reise“ Davor scheint es keinen Sinn zu machen etwas anzugehen.

Als wir gehen, sehe ich die Spielzeugkataloge stapelweise vor Smyths Toys liegen und nehme einen mit. Hab da früher immer ausgeschnitten was ich mir zu Weihnachten wünsche und auf ein Blatt geklebt. Heute gibt es auf der letzten Seite im Katalog einen vorgedruckten Wunschzettel.

Ich muss sagen, viel hat sich nicht verändert. Puppen, Actionfiguren, Lego, Playmobil, Plastik, Holz und Billigtechnik. Neu sind vielleicht die ganzen Kinderkameras und Influencer Sets. Das gab’s ja früher so nicht. Da waren es noch irgendwelche billigen Keyboards.

Apropos Keyboard. Abends schaue ich mir mal wieder Musikauftritte im weissen Haus an. Wie bekommen die Amerikaner das nur so hin? Musik und Kunst mit Politik verbinden. Konzerte im Kanzleramt? Wüsste nicht dass es das mal gegeben hätte. Da würden dann die toten Hosen, Helene Fischer oder Mark Forster stehen. Vielleicht lässt man das doch besser.

Worauf ich eigentlich hinaus will ist Folgendes. Während Dave Grohl vor McCartney und Obama „Band on the Run“ spielt, sitzt Stevie Wonder im Publikum und fühlt es. Alle wippen mit den Füßen. Stevie hält es kaum auf dem Sitz. Ist ihm einfach egal. Liegt vielleicht auch an der Blindheit aber er weiß ja trotzdem, dass da nicht alle am tanzen sind. Ist ihm einfach egal. Er fühlt es. Er bewegt sich. Ein bisschen Stevie Wonder würde allen Menschen gut tun.

Bis morgen Tag 10829


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Voller Angst im Taunus-Wunderland | Tag 10827

An Tag 10827 fahren Melina und ich mit Marius und Anni ins Taunus-Wunderland, einer der wenigen Freizeitparks, im so dicht bewohnten Rhein-Main Gebiet. Zielgruppe 8-12… passend für meine Risikobereitschaft in Sachen Achterbahnen und anderen Fahrgeschäften. Die Tage um Halloween sind das letzte Highlight der Saison und überall stehen Skelette, Zombie Katzen und Kürbisse. Einige verkleidete Mitarbeiter versuchen gruselig zu gucken.

In der Schlange überwiegend Kinder mit ihren Eltern. Die sind teilweise auch geschminkt und verkleidet. Auch im Freizeitpark gilt… Sehen und gesehen werden.

In so einem Park treffen sich alle möglichen Arten von Menschen. Weil nichts vergleichbar ist, und die Eintrittskarten gerade noch erschwinglich für die meisten. Das allein macht es schon interessant.

Das Taunus Wunderland ist ein Ort an den ich Erinnerungen aus der Kindheit habe. Nicht unbedingt gute. Ich war ein ängstliches Kind und erinnere mich daran wie Opa und Oma mich überreden mussten die kleine Achterbahn zu fahren, die bis heute steht. Diese scharfen Kurven ganz oben. Wahrscheinlich habe ich geweint. Wahrscheinlich war ich schon zu alt um deshalb zu weinen. Aber zumindest ist es eine Erinnerung.

Das vorsichtig, ängstliche ist geblieben. Zumindest wenn es um Fahrgeschäfte und Höhe geht. Ich kann der Technik nicht vertrauen. Kann mich nicht dem Adrenalin hingeben. Verkniffen halte ich mich an den Sicherheitsbügeln fest bis es vorbei ist. Egal ob Kinderachterbahn oder Silver-Star.

Wie kommt das? Warum sind die einen mutig und die anderen ängstlich? Hat das überhaupt mit Mut zu tun, sich in eine Achterbahn zu setzen? Bestimmt.

Aber es gibt natürlich ganz verschiedene Arten von Angst und Mut. Achterbahnen und Free Fall Tower sind nur eine davon. Ähnlich wie Bungie-Sprünge und Sprungtürme führen sie durch einen Rausch, ohne das man selbst Risiko abschätzen muss. Vertrauen in die Umgebung und fallen lassen.

Aber wie sieht es mit Ängsten aus, denen sich die meisten Menschen nicht mehr stellen müssen. Reale Ängste, die den eigenen Tod zur Folge haben können. Wilder Dschungel, Klippensprünge, Klettern ohne Sicherung, Demonstrieren in autoritären Staaten, Militäreinsätze, Bürgerkriege. Nur um einige zu nennen.

Eine ganz andere Stufe von Angst.

Die Fight or Flight response ist ein vom US-amerikanischen Physiologen Walter Cannon geprägter Begriff. Er forschte an Soldaten, die aus dem ersten Weltkrieg zurückkamen und eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hatten.

Die Kampf-oder-Flucht-Reaktion beschreibt die rasche körperliche und seelische Anpassung von Lebewesen in Gefahrensituationen als Stressreaktion.

Adrenalin als überlebenswichtiges Hormon. Höhere Herzfrequenz, Blutdruckanstieg, Bronchialerweiterung, schnelle Energiebereitstellung, weniger Magen-Darm-Aktivität. Der Körper im Ausnahmezustand. Ein Ziel. Nicht sterben.

Jeffrey Alan Gray erweiterte 1988 „fight or flight“ um Freeze (also Erstarren) und fright (Schreck)

Bei „Freeze“ erhöht sich die Aufmerksamkeit und Bewegungslosigkeit tritt ein. Es gibt Hoffnung übersehen zu werden „Fright“ lähmt die Muskulatur. Ziel ist es sich tot zu stellen. Das tritt ein wenn weder Kampf, noch Flucht realistisch erscheinen.

Zu lang andauernder Stress kann zum Zusammenbruch des Organismus führen.

Wir leben heute in so großer Sicherheit, dass wir uns nach Adrenalin-Stößen sehnen. Also hat die Menschheit Freizeitparks entwickelt. Todesangst ohne Todesangst.

Es war ein schöner Tag. Gemeinsam im Taunus-Wunderland.

Bis morgen an Tag 10828
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders? Schreib’s in die Kommentare.

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EMOTIONAL VERKATERT | Tag 10826

Tag 10826 Heute ist da nichts. Keine Antworten auf wenige Fragen. Noch nicht einmal Gedanken.

Melina schläft lange, weil verkatert. Ich bin nur müde.

Ich rede mit meinen Eltern. Nicht immer leicht jahrzehntelang eine Ehe zu führen. Fühlt sich wohl an wie kämpfen. Habe das Gefühl, dass Abhängigkeit der große Punkt ist, warum Menschen unglücklich sind. Egal ob allein, in einer Beziehung oder Ehe. Wie verhindert man Abhängigkeit in einer Beziehung? Keine Ahnung. Zwei Häuser, zwei Kinder, zwei Hunde, zwei Autos? Dann alles teilen wenn es nicht mehr funktioniert. Super Plan.

Gegen die Abhängigkeit von hohen Energiepreisen kann man was machen. Leider wieder nur die mit Eigenheim und ohne finanzielle Sorgen. Für alle Anderen wird’s teuer werden. …und die Schere öffnet sich weiter.

Dieser Tag ist ein einziger Mittagsschlaf. Ist mir egal.

Danke für’s Schauen.
Bis morgen 10827
War dein Tag aufregend?
dann schreib’s in die Kommentare.

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Außenseiter für eine Nacht | Tag 10825

An Tag 10825 sitze ich nachts in einem Parkhaus. Habe meinen Laptop und eine Packung Spekulatius bei mir und schreibe.

Vor vier Stunden habe ich Feierabend gemacht Dann zur Wohnung unserer Freunde um Melina und Lisa nach Mainz zu fahren. Sie wollen auf eine Party. Seit Ewigkeiten mal wieder. Ich werde meine Zeit draußen und schlafend im Auto verbringen.
Weil ich das so will und ich den Beiden damit einen kleinen Gefallen tun kann.

Als ich ankomme spielen sie Mario Kart und trinken Gin Tonic. Für mich ist eine Pizza im Ofen und Snacks sind vorbereitet. Ab 10 ist Einlass. Auf keinen Fall zu früh da sein.

Die Beiden verabschieden sich und werden eine gute Zeit haben. Mal wieder zusammen rauskommen. Neue Menschen, etwas trinken und tanzen. Wobei das Tanzen der kleinste Bestandteil ist. Weil unangenehm. Die Schlange vor dem KUZ in Mainz ist lang.

Ich verbringe die Nacht auf meine Art. Liebe es als Unbeteiligter unterwegs zu sein. Menschengruppe für Menschengruppe fließt vorbei. Ausgelassen. Laut. Jung. Wolken aus Parfüm.

Ich bin Außenseiter. Muss nichts erfüllen. Filme und gehe und denke. Ich genieße diese Geräusche, diese Spannung der nächtlichen Stadt. Mit allen Sinnen. Ganz klar.

Vorbei an Erbrochenem und Glas auf dem Boden. Die Polizei fährt durch die Straßen. Krankenwagen-Sirenen. Ausgepumpte Mägen.

Ich bin ein Außenseiter. Isoliert für eine Nacht. Außer mir sind da andere. Ein Mann fragt die Menschengruppen nach leeren Flaschen. Ein Mann sitzt allein am Tisch und trinkt Wein. Ein Mann sitzt allein vor einem Spielautomaten und drückt immer wieder auf einen Knopf. Keine Frau allein vor Wein oder Glücksspiel.

Ich habe Zeit. Viel Zeit um irgendwo rumzustehen und mir Dinge anzusehen, an denen alle anderen vorbeigehen. Ohne einen Blick. Das ist mein Glück dieser Nacht. Nur für mich. Isoliert. Als Außenseiter für eine Nacht.

Um halb eins betrete ich durch eine, nach Pisse stinkende, Schleuse das Parkhaus und richte mich ein. Ich hab alles dabei. Aus der Bluetooth-Musikbox liest Dave Grohl vor. Irgendwann schlafe ich ein. Die Packung Spekulatius leer neben mir. Bis mich um 3 der Anruf weckt. Es ist Melina. Sie kommen gleich.

Bis morgen an Tag 10826.
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Ausgeliefert sein | Tag 10824

Tag 10824. Wie an den Tagen zuvor, habe ich Probleme früh aufzustehen.
Keine Ahnung woran das liegt. Wahrscheinlich am Herbst und der Dunkelheit.

An diesem Donnerstag besuchen wir Melinas Familie. Wir fahren eine Stunde durch Wälder. Dann kommen wir an.

Um das Haus herum ist die Erde aufgerissen um eine Drainage zu legen. Im Nachhinein aufwendig und kostspielig, aber notwendig. Bei Regen läuft Wasser in den Keller.

Melinas Vater hat einen längeren Krankenhausaufenthalt in zwei Kliniken hinter sich und er erzählt von seinen Erfahrungen. Vom Gefühl ausgeliefert zu sein. Nicht zu wissen was als nächstes passiert. Weil es niemand klar sagt. Kommunikation ist alles. Der Mensch steht viel durch, aber er muss wissen warum. Wenn er das nicht weiß, breitet sich Panik aus.

Abhängigkeit, Angst und zu viel Zeit um nachzudenken. Überfordertes, schlecht ausgebildetes Personal, dass teils vergisst wie wichtig Menschlichkeit ist. Es beunruhigt zu hören, wie groß die Unterschiede zwischen Krankenhäusern sind. Trotz gleichem Träger. Das heißt, dass Konzepte und Systeme schön und gut sind… es aber letztendlich auf die Menschen ankommt, die sich auf den Stationen um Patienten kümmern. Die einen behalten sich, trotz Stress, Empathiefähigkeit und Wärme, die anderen sehen den Beruf nur noch als Belastung. Sehen es als notwendiges Übel. Und das ist absolut nachzuvollziehen. Wir hören alle von zu wenig Personal, von Pflegenotstand. Hundertausende Stellen werden in den nächsten Jahren besetzt werden müssen. Deutschland ist abhängig von Pflegekräften aus dem Ausland. Ob die sich dazu entscheiden nach Deutschland zu kommen wird abhängig davon sein, welche Anreize geschaffen werden.

Das alles ist weit weg, bis man selbst betroffen ist. Dann spürt man auf einmal, was das überhaupt heißt. Was die Krankenhaus-Umgebung mit der Psyche macht. Wie Wochen zur Ewigkeit werden.

Davon zu hören, macht mir ein ungutes Gefühl. Niemand von uns hat es selbst in der Hand. Total egal wie gesund man lebt, wie sportlich. Und dann liegt man auf einmal da. Angewiesen auf Hilfe.

Ich bin froh, dass er es durchgestanden hat. Dass er jetzt zu Hause ist und sich erholt.

Melinas Oma bewirtschaftet einen Garten hinterm Haus. Gemüse, Obst, Hühner. Beeindruckt mich immer wieder. Ich habe selbst absolut keine Ahnung davon. Und in meiner Naivität romantisiere ich die Vorstellung für eigene Lebensmittel körperlich zu arbeiten. Harte, zeitintensive Arbeit.

Würde meinem Körper gut tun, mal wieder gefordert zu werden. Aber nicht immer tue ich das, was mir gut tun würde. Geht uns allen so, nehme ich an.

Bis morgen. Tag 10825.
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Anti-Vorbilder | Tag 10823

Tag 10823 Wir besuchen heute meine Oma zusammen.

Melina hat einen Ort gefunden an dem sie sich vorstellen könnte unsere Hochzeit zu feiern. Unsere Mittel sind begrenzt, oder sagen wir so, wir möchten sie begrenzen. Für unseren Moment, unsere Hochzeit werden wir uns nicht verschulden. Das Geld, das das wir haben investieren wir lieber in unser Leben. Während ich diese Zeilen tippe, höre ich die EP „Wintermusik„, von Nils Frahm. Wunderschöne Melodien, die genau zu einer Hochzeit zu passen scheinen… weil sie so vorsichtig und schlicht sind. Leise und gefühlvoll. Ganz nah, in kleinem Kreis, ganz still. So stelle ich mir unsere Hochzeit vor. Keine Spiele, keine peinlichen Vorträge. Nein, einfach im Moment sein. So sein dürfen wie man ist. Ich möchte mich nicht verstellen müssen. Nicht an diesem Tag. Es wird ein Kompromiss gefunden werden, denn Melina mag es etwas lauter und lustiger. Kann ich nachvollziehen.

Ich muss an Schlingensief denken. Regisseur und Künstler. Gestorben an Krebs. Ähnlich wie Herrndorf hat der das alles festgehalten. Es gibt ein Kapitel im letzten Buch, das sich mit seinem Leben und Sterben auseinandersetzt, in dem er, schon voller Metastarsen, über seine Hochzeit schreibt. Da habe ich wirklich geweint, weil es auf so schöne Art weh tut. Und wer am Ende dieses Videos ein wenig Zeit hat, der oder dem würde ich gerne dieses Kapitel aus „Ich weiß ich war’s“ vorlesen. So heißt das Buch.

Solche Menschen haben mich geprägt. Ohne Menschen wie Schlingensief wäre ich ein anderer. Und das hat er weitergegeben. Er hat es irgendwo her und gibt es weiter. Das ist es, was von ihm bleibt. Einfach dieses Gefühl etwas übers Lebens gelernt zu haben. Etwas, das einem nicht jeder beibringen kann. Das macht mich jetzt schon wieder traurig, wenn ich darüber nachdenke, dass der so früh sein Leben verloren hat.

Ich habe einen alten Theater-Flyer. Da habe ich irgendwann mal Menschen drauf geschrieben, die mich beeinflusst haben. Vorbilder wenn man so will. Da stehen Regisseure, Maler, Musiker und Schauspieler drauf. Leute, die mich begeistert haben. Die etwas in mir ausgelöst haben. Menschen, bei denen ich gedacht habe: „Ja, so stelle ich mir das vor.“ Ob das jetzt der Umgang mit Werten ist oder eine Art zu denken. Ob das mit Kunst oder dem künstlerischen Prozess zu tun hat. Die haben alle etwas in mir verändert. Mittlerweile führe ich diese Liste digital weiter.

Während ich über Vorbilder nachdenke, muss ich an diesem 10823. Tag auch über das Gegenteil nachdenken. So wie es wichtig sein kann, zu wissen wer man sein möchte, ist es andererseits auch wichtig zu wissen wer man auf keinen Fall sein möchte. Das fällt sogar manchmal leichter. Ist genauso mit Vorbildern. Es gibt Menschen, die einen so abstoßen, dass sich alles in einem sträubt. Trump ist so jemand, oder Klaus Kinski. (Kennt überhaupt noch jemand Klaus Kinski? Wen es interessiert, kann ihn mal bei Youtube eingeben…da weiß man direkt woran man ist und warum den nie jemand vermisst hat) Solche Menschen sind häufig abfällig, respektlos, frauenfeindlich, narzisstisch. Sie machen es Anderen schwer, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Grenzt man sich dann klar ab, entsteht ja auch Haltung. Dann entstehen Werte. Und erkennt man sich in irgend einer Art in diesen Anti-Vorbildern wieder, dann schrillen die Alarmglocken.

An diesem Tag sehe ich ein kurzes Interview mit dem Kommandeur der Bundeswehr. „Euer Kommandeur weint abends auch“ sagte er an die Truppe gerichtet. Er spricht vom Afghanistan Einsatz, von Moral, davon Entscheidungen zu treffen. Davon wie Frauen und Kinder aus Stacheldraht geschnitten werden mussten, vom nach Fäkalien stinkenden Flughafen, die letzte Möglichkeit das Land zu verlassen. Wer darf ins rettende Flugzeug und wer nicht? Er erinnert daran, dass die Veteranen nicht vergessen werden dürfen, die teils ihr restliches Leben gegen posttraumatische Belastungsstörungen kämpfen werden. Ein furchtbarer Gedanke aus Afghanistan abzuziehen und das Gefühl zu haben, dass der Einsatz, und damit auch das persönliche Risiko, komplett umsonst waren. Die Taliban sind an der Macht. Ab jetzt heißt es von außen zuschauen müssen, wie Menschenrechte keine Rolle mehr spielen, wie Frauen und Mädchen jeglicher Zukunftsperspektive geraubt werden.

Es ist ein Tag voller Gedanken, die mein Notizbuch füllen. Nicht immer nur positive. Aber auch im Negativen steckt etwas Ermutigendes.

Danke fürs Lesen.
Bis morgen an Tag 10824
Welcher Tag ist heute für dich?
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So belanglos wie LED Kerzen… | Tag 10823

10822 wird ein ruhiger Tag werden. Melina und ich haben frei, verbringen die meiste Zeit in der Wohnung.

Bis auf Vormittags, da gehen wir spazieren. Während wir eine unserer Standard-Runden drehen, biegen wir an einer Stelle in ein unbekanntes Gebiet ab. Obwohl uns nur 500 Meter vom Bekannten trennen, sieht alles anders aus. Manchmal muss man nicht weit reisen, sondern einfach vom Weg abkommen. Das fällt in gewohnter Umgebung schwerer. Zumindest geht es mir so.

Zurück in der Wohnung essen wir zu Mittag und schauen Gilmore Girls. Diese alte Serie, die ich zum gefühlt 5. Mal sehe (soviel zu allzu bekannten Dingen) schafft es immer noch Menschen zu unterhalten und zu berühren. Ich denke weil sie früh Dinge anders gemacht hat. Starke unabhängige Frauen, der Fokus auf komplexe Kommunikationen und Beziehungen. Die Serie zeigt kaum sexualisierte Inhalte. Alles bleibt unterschwellig und lässt dem Zuschauer Raum für die eigene Vorstellung.

Wer sich nicht durch den, in die Jahre gekommenen, Look und die 8 Staffeln abschrecken lässt, bekommt eine Serie voller gut geschriebener Charaktere, subtilem Humor und Tiefgang.

Ich verbinde das mit meiner Jugend. Eine Freundin hatte mich davon überzeugt, dass es nicht nur für Frauen sei. Hat mir und meiner Entwicklung als Junge gut getan.

Melina versucht zu flechten. Sie ist angespannt weil es nicht funktioniert. Um etwas Neues zu lernen, braucht es Übung. Viel Übung. Das setzt Durchhaltevermögen voraus. Immer wieder Scheitern., dranbleiben. Disziplin. Hat man die nicht, wird es, wenn man kein Kind mehr ist, schwer.

Sie hat sich außerdem neue Kopfhörer gekauft. Hauptsächlich wegen Noise Cancelling. Für die langen USA Busfahrten im Januar.

Nach einem Mittagsschlaf schauen wir kurz bei meiner Mutter vorbei. Wir sprechen über die schwierige Situation mit Oma und wie Melina und ich in Zukunft wohnen könnten. Der Gedanke an einen hohen Kredit macht mir Angst. Ich habe das Gefühl nichts schränkt mich mehr in meiner Freiheit ein, als die Verpflichtung große Summen Geld zurückzuzahlen. Gleichzeitig verstehe ich, dass Melina die Wohnung zu klein wird. Dass sie sich einen Rückzugsort wünscht. Dass sie daran denkt, dass wir irgendwann eine Familie gründen. Meine zweite Angst ist, wir könnten beginnen Dinge anzusammeln.

Abends sehen wir für einige Momente die sehr schlechte neue Justin Bieber Dokumentation auf Amazon Prime. Es ist eigentlich ein Konzertfilm, zwischendrin mal eine belanglose Szene aus dem Leben des Sängers und seiner Frau. Permanentes sich selbst in den Himmel heben. Alles wirkt irgendwie unecht. Wie eine dieser schrecklichen elektrischen Kerzen, die bei meiner Mutter stehen. Man sieht etwas, dass Gefühle auslösen soll. Aber es fehlen Geruch, Wärme und Geräusche.

Was macht eine gute Dokumentation aus? Also die echt Kerze, um diesen Vergleich weiterzuführen.

Für mich sollte eine Dokumentation kritisch sein, sollte Realität abbilden, sollte uns, den Zuschauern, etwas bieten, das wir nicht kennen, aber trotzdem nachvollziehen können. Eine gute Dokumentation sollte verschiedene Meinungen zulassen, echte Emotionen zeigen, Wahrheit, Tiefe.

Um diesen Tag abzuschliessen, hier meine drei, bis zu diesem Tag, liebsten Dokumentationen.

Grizzly Man zeigt einen, sich der Gesellschaft nicht zugehörig fühlenden, Mann, der sein Leben in Gesellschaft von wilden Bären verbringt…bis er gefressen wird)

Some Kind of Monster zeigt die größte Heavy Band, Metallica, die fast am Erfolg und zu großen Egos zerbricht)

One More Time with Feeling zeigt den Künstler Nick Cave, wie er nach dem tragischen Tod einer seiner Söhne, wieder beginnt ein Album zu schreiben.

Bis morgen an Tag 10823.
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Was wir eigentlich sagen wollen… | Tag 10821

Es ist Tag 10821 am Leben und gestern ging es um Einsamkeit. Ein Blick von außen, weil wenn ich eines nicht bin, dann einsam. Und das liegt überwiegend an ihr.

Dass ich mein Leben mit Melina teilen kann, bedeutet mir alles. Wir alle wissen, wie schwer es ist, Gefühle in Worte zu fassen. Es gibt keine Worte.

Auch das Wort Liebe scheitert bei dem Versuch die Komplexität unserer Gefühlswelt zu umschreiben.

Mit „ich liebe dich“ möchten wir sagen, dass uns jemand wichtig ist, dass unser Leben weniger erfüllend ohne sie oder ihn wäre. Wir möchten sagen, wie dankbar wir sind. Wie viel Angst wir haben. Wie unsicher.

Wir möchten sagen, dass wir Bilder im Kopf haben, die uns glücklich an fremden Orten zeigen. Dass wir Freuden-Tränen sehen und Schmerz.

Wir möchten sagen, dass unsere Leben irgendwann enden, aber wir es kaum erwarten können bis dahin zu leben.

Mit „ich liebe dich“ möchten wir sagen, wie viel uns die Nähe, die Wärme und Zuneigung bedeutet. wie viel es uns bedeutet, zuzuhören und gehört zu werden.

Wir sind verletzlich und unsicher. Sind verloren in dieser Welt, bis jemand kommt der alles lindert. Die großen Gesten, das Gehabe. Alles nichts wert wenn man auf einmal versteht was Zweisamkeit bedeutet. Ganz leise und klein und wichtig.

Wir öffnen uns einander. Und das hört sich nicht spektakulär an. Aber es ist mehr als ich jemals erwartet habe.

Natürlich sind wir verschieden. Und das ist gut so. Führt zu Spannung, wird laut, nur um danach wieder leise zu werden. Vorsichtig, zärtlich und Zerbrechlich.

Melina, du bist so vieles für mich. Viel mehr, als du für möglich hältst. Viel mehr, als das, was ich mit Worten beschreiben könnte.

Bis morgen an Tag 10822.
Welcher Tag ist heute für dich?
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Einsamkeit | Tag 10820

Tag 10820 beginnt mit Frühdienst. Ich warte zwei Stunden bis der erste ausgeschlafen hat.

Schlimmer als mit Menschen zusammenwohnen zu müssen,
die man sich nicht aussucht, ist wohl nur die Einsamkeit.

(Auszüge aus einer regionalen Werbezeitung)

„Ich bin der Mann, der bleibt, treu, lustig ist, dich verwöhnt. Otto, 82 Jahre, 1,8 m. Seit 18 Monaten verwitwet und bin vom Kopf frei für einen neuen Lebensabschnitt. Ich bin ein lustiger, charmanter, mittelschlanker Herr mit den Hobbys: Kreuzfahrten, Gesellschaftsspiele und Kreuzworträtsel, welche ich gerne zusammen mit Ihnen lösen möchte. Suche eine natürliche Partnerin in meinem Alter, hier aus der Region, für gemeinsame Unternehmungen oder bummeln im Park.“

Otto, 82

„Er, ende 50, sportlich, gepflegt, finanziell großzügig, sucht Frau für lockere Beziehung.“

Anonym

Elfie, 62 Jahre: „Sparsam, nachgiebig, mit schöner weiblicher Figur, früh verwitwet. Suche einen lieben Gefährten, der eine ehrliche, fürsorgliche Frau vermisst. Habe Sehnsucht nach Zweisamkeit, möchte wirklich nicht länger alleine bleiben, könnte dich kurzfristig mit einem Auto besuchen.“

Elfie, 62

Einsamkeit ist nicht erst seit der Pandemie ein Problem und betrifft auch nicht nur die Alten. Studien zeigen, dass Einsamkeit das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Depressionen, Demenz und einen frühen Tod erhöhen. Wohl so schädlich wie Adipositas oder Rauchen.

Die Altersgruppe, die prozentual am einsamsten ist: Mittdreißiger. 18 Prozent der Menschen zwischen 30 und 34 fühlen sich demnach einsam.

Woran liegt das? An fehlenden Beziehungen? Freundschaften? Ist Social Media ein Auslöser? Oder sind die Erwartungen an einen potenziellen Partner, einen Freund, oder sich selbst, einfach zu hoch?Vielleicht spielt die Angst sich zu binden, und damit die Angst zu altern eine Rolle. Es ist nur möglich Fragen zu stellen. Beantworten muss sich das jeder selbst.

Ausgerechnet die FDP hat im Mai 2019 eine kleine Anfrage, zum Thema, an die Bundesregierung gestellt, nachdem „die Linke“ das schon vor einigen Jahren getan hatte.

Im Vorwort der Anfrage ist von „erheblichen, gesamtwirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen“ für die Gesellschaft die Rede.

In Japan, Großbritannien, Dänemark und Australien würde Einsamkeit bereits als ein ernstzunehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit wahrgenommen.

In 15 Fragen will die FDP in ihrem Schreiben wissen, ob die Bundesregierung Einsamkeit als Problem begreift und welche konkreten Maßnahmen und Initiativen umgesetzt werden sollen.

Die Beantwortung bleibt auf 7 Seiten meist vage.

Hier zwei Zitate der Bundesregierung:

„Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass Einsamkeit als ein gesamtgesellschaftli- ches Phänomen angesehen wird, das diverse Lebensbereiche berührt und sich in der Arbeitswelt, im Freizeitverhalten, in der Gestaltung sozialer Beziehungen und generell in der Partizipation am Leben in der Gemeinschaft manifestiert. Angaben über Einsamkeit spiegeln in ganz allgemeiner Form gesellschaftliche Verände- rungen wider – die Einengung auf den Bereich der öffentlichen Gesundheit wäre eine unangemessene Verkürzung der Bedingungen und Auswirkungen von Ein- samkeit.“

Bundesregierung

„Außerdem können auch die Instrumente und Maßnahmen der Arbeitsförderung und der Grundsicherung für Arbeitsuchende, die in den Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales fallen und die die Eingliederung in Arbeit zum Ziel haben, mittelbar als Maßnahmen zur Verringerung von Einsamkeit angesehen werden. Denn Arbeit bedeutet zugleich Teilhabe, soziale Kontakte und Anerkennung. Somit ist Arbeit nicht nur wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern auch für jeden Einzelnen.“

Bundesregierung

Die Arbeit ist also der Schlüssel. Ist ja nicht ganz falsch, aber einfach richtig deutsch.

Es ist außerdem die Rede von Mehrgenerationenhäusern, es gibt wohl 540 davon. Niedrige zweistellige Millionenbeträge stehen einigen Initiativen zur Verfügung. Ein Tropfen auf den heissen Stein.

Auch wenn die Einsamkeit ein eher subjektives Phänomen ist, gibt es auch Menschen, die objektiv betrachtet, einfach isoliert sind. Diese Menschen sind häufig in einer sozial, sowie wirtschaftlich prekären Situation.

Der Staat könnte handeln, könnte Kampagnen starten, könnte Studien in Auftrag geben und Konzepte umsetzen. Vereinsamung bekämpfen. Auch wenn das Alles für Politik schwer zu greifen ist. Es wäre mehr möglich und nötig. Gerade nach diesen zwei Jahren im Ausnahmezustand.


Ich habe gestern schon kurz den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf erwähnt. Und ich muss schon wieder an ihn denken. Der Mann hat Jahre gegen einen Hirntumor gekämpft und alles in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ festgehalten. Der ist übrigens immer noch online und hat nichts an Kraft verloren.

Es gibt eine Suchfunktion. Und wenn man da „einsam“ oder „Einsamkeit“ eingibt, werden nur wenige Einträge angezeigt. Obwohl es keinen einsameren Weg gibt. Keinen persönlicheren. Der Weg in den Tod. Trotzdem schreibt er nicht direkt davon, sondern es klingt in fast jedem Beitrag einfach mit.

Am 7.11. 2010 um 15:05 Uhr schreibt er:

„Wohnungsbesichtigung in Charlottenburg. Der Versuch, mein Leben nicht in einer dunklen 1-Zimmer-Hinterhofwohnung ausklingen zu lassen, erweist sich als schwierig. Nie im Leben einen Pfennig Schulden gehabt, durch Tschick Geld wie Heu auf dem Konto, aber kein Einkommensnachweis. Ohne Bürgschaft meiner Eltern käme ich an keine Wohnung ran. Auch insofern vorteilhaft, sie nicht zu überleben. Die Wohnung allerdings nicht besonders schön, beim Blick ins Badezimmer sehe ich die zukünftige Blutlache auf den Fliesen, und weitere Besichtigungen schaff ich nicht. Macht alles zu viel Umstände. Allein die Angst vor dem Papierkram.“

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur Blog

28.11. 2010 19:34

Spazierengegangen Richtung Alexanderplatz. Über den Jahrmarkt gelaufen, mit der Wilden Maus gefahren. Die Einsamkeit der letzten Jahre.

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur Blog

Herrndorf beging am 26. August 2013 Selbstmord. Er schoss sich in der Nähe des Strandbads Plötzensee mit einem Revolver in den Kopf. Der Revolver liegt im deutschen Literaturarchiv Marbach. Ich weiß nicht ob ich das makaber finde, oder nicht.

Bis morgen an Tag 10821.
Welcher Tag ist heute für dich?
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