MENSCH UND WOLF | Tag 10836

An Tag 10836 gehe ich gedanklich da hin wo ich nicht hin sollte. Lasse mich fallen in schwere, dunkle Worte. Höre „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse und merke währenddessen, dass die Dinge nicht so leidvoll scheinen wie sie sind.

Im 1927 erschienenen Roman stilisiert Hesse, teils autobiografisch, einen missverstandenen Außenseiter, dessen Hass auf alles bürgerliche, ehrfürchtige, Kleine … sich abwechselt mit dem Bedürfnis Teil zu haben, angenommen zu sein. Er ist geistiger Mensch und lustvoller Wolf zugleich. Bewegt sich an den extremen Rändern, während ihm das Durchschnittliche fremd bleibt. Er strebt nach bedingungsloser Unabhängigkeit, die ihm zum Verhängnis wird.

„Der Machtmensch geht an der Macht zugrunde, der Geldmensch am Geld, der Unterwürfige am Dienen, der Lustsucher an der Lust. Und so ging der Steppenwolf an seiner Unabhängigkeit zu Grunde. Er erreichte sein Ziel. Er wurde immer unabhängiger. Niemand hatte ihm zu befehlen, nach niemandem hatte er sich zu richten. Frei und allein bestimmte er über sein Tun und Lassen. Denn jeder starke Mensch erreicht unfehlbar das, was ein wirklicher Trieb ihn suchen heißt. Aber mitten in der erreichten Freiheit nahm Harry plötzlich wahr, dass seine Freiheit ein Tod war, dass er allein stand, dass die Welt ihn, auf eine umheimliche Weise, in Ruhe ließ, dass die Menschen ihn nichts mehr angingen… ja, er selbst sich nicht, dass er in einer immer dünner und dünner werdenden Luft von Beziehungslosigkeit und Vereinsamung langsam erstickte“

Der Steppenwolf – Hermann Hesse

Es ist dieser alte intellektuelle Kampf. Der Anspruch an Komplexität und geistige Größe, dann die Ernüchterung, das Realisieren, dass nur das einfache Leben Zufriedenheit mit sich bringt und man auf die Zuwendung der bürgerlichen Masse angewiesen ist. Die Widersprüchlichkeit dieser Existenzen.

Die Ambivalenz zwischen Mensch, der Gesellschaft braucht und „Steppenwolf„, der einsam mit seinen Gedanken durchs Leben geht.

Hesse hält sich selbst einen Spiegel vor, stellt die Gegensätze nach vorn. Er selbst sein größter Kritiker und Zweifler.

Dieses hochmütige Phänomen der Misanthropie, also der Verachtung gegenüber menschlichen Verhaltens und dessen Natur, ist so toxisch und führt dazu irgendwann weltfremd zu sein. Das Heilmittel gegen diesen Hochmut scheint im Steppenwolf Humor zu sein, weil er die Schnittmenge, den gemeinsamen Nenner zwischen allen Menschen bildet. Gesellschaftlich akzeptiert, ist Humor in der Lage eine Brücke zu bauen.

Die moralisch, intellektuelle Suche nach Sinnhaftigkeit und der Wunsch nach gesellschaftlicher Weiterentwicklung findet sich in vielen philosophischen Werken. In einigen davon wird sie mit der Ablehnung einfacher Freuden und Triebhaftigkeit kombiniert.

Oft schwingt dabei aber auch der Wunsch nach Akzeptanz und Zugehörigkeit mit. Hier zwei Zitate von Arthur Schopenhauer, die das deutlich machen.

„So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab.“

Arthur Schopenhauer

„Demgemäß wird die möglichste Einfachheit unserer Verhältnisse und sogar die Einförmigkeit der Lebensweise, solange sie nicht Langeweile erzeugt, beglücken; weil sie das Leben selbst, folglich auch die ihm wesentliche Last, am wenigsten spüren lässt: es fließt dahin, wie ein Bach, ohne Wellen und Strudel.“

Arthur Schopenhauer

Aber was bringt uns das Lesen solcher Werke, die auf den ersten Blick so menschenfeindlich erscheinen? Im Besten Falle fördern sie das Schlechte, das Verhärtete in uns an die Oberfläche. Wo wir es erkennen und uns davon distanzieren können. Diese Werke bieten uns selbst die Möglichkeit uns frei zu machen von destruktiven Gedanken. Locker leicht mitzuschwimmen heißt nicht, sich selbst zu hintergehen. Glück akzeptieren, zu lieben, im Moment zu sein. Das Bittere auszuspucken. Zufrieden mit sich und allen Menschen.

Es ist nicht immer ganz leicht wieder hervorzukommen aus den Gedankenkonstrukten solcher Menschen. Aus den extremen Randbereichen, die so überschwängliche Emotionen möglich machen. Als müsse man aus der Tiefe an die Wasseroberfläche tauchen. An diesem Abend hilft mir mein bester Freund wieder aufzutauchen.

Zum Ende ein Zitat von Laotse, das in meinen Augen treffend beschreibt, was es heißt zu leben. „Wenn du erkennst, dass es dir an nichts fehlt, gehört dir die ganze Welt“

Bis morgen an Tag 10837
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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