EIN BELANGLOSER ZEITVERTREIB | Tag 10833

Am Abend des 10833. Tag gebe ich der Drohne noch eine Chance. Die Sonne geht langsam unter, als ich mich an einen Feldweg setze, und sie in die Höhe schicke.

Ich fliege hin und her. Manchmal bricht die Verbindung zur Fernbedienung ab. Manchmal bin ich zu hoch oben oder eine andere Warnmeldung blinkt auf. Wieder einmal beweist sich die Tatsache, dass es mir keine Freude macht, etwas mit diesem Ding festzuhalten.

Es ist nervig. Erinnert in meinen, und den meisten anderen, Händen mehr an ein Spielzeug, als an ein kreatives Mittel. Ein belangloser Zeitvertreib.

Außerdem habe ich das Gefühl ganz weit entfernt zu sein, während ich zusammengekauert auf den Bildschirm starre. Zu weit entfernt vom Moment in dem ich bin, den ich festhalten will.
Zu weit entfernt von mir selbst.

Stehe ich hinter, neben oder vor meiner Kamera, nehme ich alles um mich herum wahr, während sie es parallel in anderer Form für mich abspeichert. Ich erlebe, während sie mir ermöglicht im Nachhinein daraus zu kreieren. Ein Werkzeug, wie es besser nicht sein könnte und dem ich dankbar bin.

Bei der Drohne wirkt es als spiele ich ein Videospiel. Völlig abstrakt, ohne Kontakt zur Realität. Die Perspektive zu weit um etwas von Bedeutung einzufangen. Flache Bilder, die nicht in der Lage sind Emotion einzufangen. Keine Tiefe, keine Relevanz. Ich habe einfach keine Bindung zu diesem Ding.

Natürlich berichte ich hier nur von den eigenen Erfahrungen. Mag sein, dass andere etwas Bedeutendes kreieren, während sie, eingeschränkt durch Bestimmungen, immer wieder über das gleiche Feld, oder Wald schweben.

Das was mich am meisten stört, ist die Tatsache, dass ich vor zwei Jahren auf Werbung hereingefallen bin, und der Meinung war, eine Drohne sei unverzichtbar. Es würden sich mir Möglichkeiten über Möglichkeiten bieten. Es würde mein kreatives Schaffen auf die nächste Stufe heben. Bla bla bla. Die Hersteller inspirieren uns durch atemberaubende Szenen. Aber wie sieht die Realität aus? Nichts ist langweiliger als eine Aneinanderreihung von Luftaufnahmen. Ohne Aussage, ohne Bedeutung.

So bleibt das Ding Spielzeug für mich. Und wenn das „Spiel“ im eigentlichen Sinne keine Freude macht, gibt es nur einen Weg. Weg damit.

Wie all der andere unnötige Ballast. Ich muss zugeben, ich steigere mich an diesem Abend noch etwas in dieses Denken hinein. Mein Leben kommt mir materiell zugemüllt vor… immer wieder reingefallen auf Manipulationen. Immer wieder Unnötiges gekauft. Auch wenn die meisten, von außen betrachtet, vielleicht sogar sagen würden, wir hätten vergleichsweise wenig angesammelt.

Nur zwei Dinge sind für mich unersetzliche Werkzeuge. Meine Kamera und mein Macbook. Das Festhalten von Bildern und Gedanken. Die Grundbausteine für meine Arbeit. Alles andere Materielle scheint irrelevant.

An diesem Abend erdrückt es mich und schlechte Laune bricht durch. Auch weil ich nicht zufrieden bin mit den Filmen der letzten Tage. Ich bekomme es nicht zu fassen. Leiden muss Melina darunter, die nicht weiß was los ist, weil ich selbst es nur schlecht in Worte fassen kann. Und das tut mir Leid. Und dafür schäme ich mich im Nachhinein.

Dieser Wunsch nach materieller Einfachheit und die damit einhergehenden Gedanken, sind noch nicht vorbei, sondern werden mich auch morgen noch begleiten. Ob von Thoreau ausgelöst oder durch die Angst vor der Zukunft und zu wenig finanziellen Mitteln für die USA-Reise, weiß ich nicht.

Ich weiß nur, dass ich gerade zu radikal bin. Dass ich mich entspannen sollte. Einfach Leben sollte. Und es verdammt noch mal lassen sollte, Melinas Stimmung mit meiner nach unten zu ziehen.

Bis morgen an Tag 10834
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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