Anti-Vorbilder | Tag 10823

Tag 10823 Wir besuchen heute meine Oma zusammen.

Melina hat einen Ort gefunden an dem sie sich vorstellen könnte unsere Hochzeit zu feiern. Unsere Mittel sind begrenzt, oder sagen wir so, wir möchten sie begrenzen. Für unseren Moment, unsere Hochzeit werden wir uns nicht verschulden. Das Geld, das das wir haben investieren wir lieber in unser Leben. Während ich diese Zeilen tippe, höre ich die EP „Wintermusik„, von Nils Frahm. Wunderschöne Melodien, die genau zu einer Hochzeit zu passen scheinen… weil sie so vorsichtig und schlicht sind. Leise und gefühlvoll. Ganz nah, in kleinem Kreis, ganz still. So stelle ich mir unsere Hochzeit vor. Keine Spiele, keine peinlichen Vorträge. Nein, einfach im Moment sein. So sein dürfen wie man ist. Ich möchte mich nicht verstellen müssen. Nicht an diesem Tag. Es wird ein Kompromiss gefunden werden, denn Melina mag es etwas lauter und lustiger. Kann ich nachvollziehen.

Ich muss an Schlingensief denken. Regisseur und Künstler. Gestorben an Krebs. Ähnlich wie Herrndorf hat der das alles festgehalten. Es gibt ein Kapitel im letzten Buch, das sich mit seinem Leben und Sterben auseinandersetzt, in dem er, schon voller Metastarsen, über seine Hochzeit schreibt. Da habe ich wirklich geweint, weil es auf so schöne Art weh tut. Und wer am Ende dieses Videos ein wenig Zeit hat, der oder dem würde ich gerne dieses Kapitel aus „Ich weiß ich war’s“ vorlesen. So heißt das Buch.

Solche Menschen haben mich geprägt. Ohne Menschen wie Schlingensief wäre ich ein anderer. Und das hat er weitergegeben. Er hat es irgendwo her und gibt es weiter. Das ist es, was von ihm bleibt. Einfach dieses Gefühl etwas übers Lebens gelernt zu haben. Etwas, das einem nicht jeder beibringen kann. Das macht mich jetzt schon wieder traurig, wenn ich darüber nachdenke, dass der so früh sein Leben verloren hat.

Ich habe einen alten Theater-Flyer. Da habe ich irgendwann mal Menschen drauf geschrieben, die mich beeinflusst haben. Vorbilder wenn man so will. Da stehen Regisseure, Maler, Musiker und Schauspieler drauf. Leute, die mich begeistert haben. Die etwas in mir ausgelöst haben. Menschen, bei denen ich gedacht habe: „Ja, so stelle ich mir das vor.“ Ob das jetzt der Umgang mit Werten ist oder eine Art zu denken. Ob das mit Kunst oder dem künstlerischen Prozess zu tun hat. Die haben alle etwas in mir verändert. Mittlerweile führe ich diese Liste digital weiter.

Während ich über Vorbilder nachdenke, muss ich an diesem 10823. Tag auch über das Gegenteil nachdenken. So wie es wichtig sein kann, zu wissen wer man sein möchte, ist es andererseits auch wichtig zu wissen wer man auf keinen Fall sein möchte. Das fällt sogar manchmal leichter. Ist genauso mit Vorbildern. Es gibt Menschen, die einen so abstoßen, dass sich alles in einem sträubt. Trump ist so jemand, oder Klaus Kinski. (Kennt überhaupt noch jemand Klaus Kinski? Wen es interessiert, kann ihn mal bei Youtube eingeben…da weiß man direkt woran man ist und warum den nie jemand vermisst hat) Solche Menschen sind häufig abfällig, respektlos, frauenfeindlich, narzisstisch. Sie machen es Anderen schwer, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Grenzt man sich dann klar ab, entsteht ja auch Haltung. Dann entstehen Werte. Und erkennt man sich in irgend einer Art in diesen Anti-Vorbildern wieder, dann schrillen die Alarmglocken.

An diesem Tag sehe ich ein kurzes Interview mit dem Kommandeur der Bundeswehr. „Euer Kommandeur weint abends auch“ sagte er an die Truppe gerichtet. Er spricht vom Afghanistan Einsatz, von Moral, davon Entscheidungen zu treffen. Davon wie Frauen und Kinder aus Stacheldraht geschnitten werden mussten, vom nach Fäkalien stinkenden Flughafen, die letzte Möglichkeit das Land zu verlassen. Wer darf ins rettende Flugzeug und wer nicht? Er erinnert daran, dass die Veteranen nicht vergessen werden dürfen, die teils ihr restliches Leben gegen posttraumatische Belastungsstörungen kämpfen werden. Ein furchtbarer Gedanke aus Afghanistan abzuziehen und das Gefühl zu haben, dass der Einsatz, und damit auch das persönliche Risiko, komplett umsonst waren. Die Taliban sind an der Macht. Ab jetzt heißt es von außen zuschauen müssen, wie Menschenrechte keine Rolle mehr spielen, wie Frauen und Mädchen jeglicher Zukunftsperspektive geraubt werden.

Es ist ein Tag voller Gedanken, die mein Notizbuch füllen. Nicht immer nur positive. Aber auch im Negativen steckt etwas Ermutigendes.

Danke fürs Lesen.
Bis morgen an Tag 10824
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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