Mit Erzieher*in aufwachsen | Tag 10819

Es ist Tag 10819, ein Samstag. Ich stehe um sieben auf und gehe nach draußen. Die gleichen Wälder, Wiesen und Weinberge… und doch immer etwas anders. Fühlt sich an wie Winter diesen Morgen. Die Luft ist feucht und zwischen den Bäumen bilden sich diese Lichtkanäle, die aussehen wie natürliche Scheinwerfer.

Während ich unterwegs bin, höre ich die neu erschienene Autobiografie von Dave Grohl, dem Foo Fighters Frontmann und Nirvana Schlagzeuger. Er liest „Storyteller„, so hat er das Buch genannt, selbst. Ein großer Vorteil, der die Geschichten im Buch noch unterhaltsamer macht.

In den ersten 90 Minuten geht es ums Altern, um seine Beziehung zu den Töchtern und seiner Mutter und wie er als 14 Jähriger zum Punk-Rock kam.

Dave Grohl erzählt davon, wie er es kaum mit ansehen kann, als seine kleine Tochter Schmerzen ertragen muss, davon wie es sich anfühlt wenn man nur noch so glücklich ist, wie sein unglücklichstes Kind. Er spricht als Vater. Nicht als Rockstar.

Zwischen 11 und 13 Jahren entwickeln Kinder ihren eigenen Charakter. Sie beginnen eigene Vorstellungen zu haben, Pläne zu schmieden und auf Ziele hinzuarbeiten. Sie werden sich bewusst, dass sie selbst irgendwann erwachsen sein werden, dass sie irgendwann nicht mehr nur ein Teil der eigenen Eltern sind.

Ich habe zwar keine Kinder, bin aber im Job an der Erziehung von 6 Jugendlichen beteiligt. Und ich stelle mir regelmäßig die Frage: „Was kann ich zur Charakterentwicklung beitragen? Wie kann ich einen jungen Menschen stärken, selbstbewusst, und ja auch mutig machen. Habe ich überhaupt noch Einfluss wenn das Gegenüber sich mitten in der Pubertät befindet?

Es sind Herbstferien in Hessen und das heißt, dass ich an diesem Samstag mit nur 2 Bewohnern den Tag verbringe. Der Rest ist zu Hause bei den Eltern. Wir wollen eigentlich wandern. Eine Vollsperrung durchkreuzt den Plan und wir fahren weiter nach Mainz um durch die Stadt zu laufen und Lebensmittel einzukaufen.

Mir wird bewusst wie viel Aufmerksamkeit ich beiden geben kann. Der Normalzustand, in dem 6 junge Männer, mit allen Mitteln, permanent versuchen gehört und beachtet zu werden, lässt das normalerweise nicht zu. Heute ist Zeit miteinander zu sprechen, auf Bedürfnisse einzugehen. Ich spüre wie viel Zuneigung beide brauchen. Niemand muss kämpfen und schreien. Es herrscht für einige Stunden Normalität, die allen gut tut und die nicht lange anhalten wird.

Wie interpretiert man die Rolle als Erzieher? Zu freundschaftlich? Klar genug? Wie viel traut man zu? Wie viel nimmt man ab? Wann braucht es Struktur und wann müssen selbst Erfahrungen gemacht werden. Erziehung ist ein ewiges Abwiegen und ein Vertrauen auf die eigene Intuition.

Eine gute Grundlage ist vielleicht immer das zu tun, was den jungen Menschen ermutigt und im Heranwachsen unterstützt.

Alles wiederum, was klein hält, was Angst macht, was das Leben des Kindes erschwert, sollte man unbedingt sein lassen.

Während wir im Hugendubel sind, steht einer der Jungs an der Kasse und ruft durch den kompletten Laden. „Ich muss kurz mal meinen Erzieher fragen“. und läuft auf mich zu. Das zeigt wie normal es für ihn ist, einen Erzieher zu haben. Es ist nicht peinlich, nicht unangenehm, es ist einfach normal. Ein seltsamer Gedanke. Er kauft mit 14 Jahren den 1000 Seiten Klassiker Moby Dick. Habe ich Jugendbücher empfohlen? Ja Ist es meine Entscheidung? nein

Abends sitzen wir auf dem Sofa und lesen abwechselnd aus Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Wir lachen Tränen als in Kapitel 6 von Brettfeld die Rede ist. Herrndorf ist jetzt 13 Jahre tot. Es fehlen Menschen mit klarer einfacher Sprache. Oder warum sonst wird „Tschick“ immer noch von jeder Schulklasse gelesen?

Während ich vor Lachen nicht mehr in der Lage bin zu lesen, kann ich mir mich als Vater vorstellen. In anderen Momenten, dann überhaupt nicht mehr. Vorhin habe ich meine Exemplare von „Robinson Crusoe“ und „Der letzte Mohikaner“ für den Frühdienst morgen in den Rucksack gepackt. Bücher helfen der Charakterbildung.

Bis morgen an Tag 10820.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?
Schreib’s in die Kommentare.

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