Bescheidenheit | Tag 10818

Es ist Tag 10818. und wieder Zeit für einen Besuch bei Oma. Ich fahre den Rhein entlang. Fahre für ein paar Minuten rechts ran, weil die Szene einfach wunderschön ist. Die Menschen in ihren Autos hinter mir sind auf dem Weg zur Arbeit. Pünktlich. Für mich sind sie in diesem Moment nur ein Hintergrundrauschen.

Da wären wir wieder beim Thema. Was musste ich aufgeben, dass ich statt im Auto zur Arbeit, am Rheinufer sitze? Das was ich aufgegeben habe sind neue Dinge, die nichts anderes tun als die alten Dinge. Ich habe einige Ablenkungen aufgegeben, die Geld kosten. Habe aufgehört zu glauben, dass eine große Auswahl von allem, glücklicher macht.

Also sitze ich in meiner alten schwarzen Jeans und meinem einfachen Kapuzenpulli am Rhein. Brauche nichts außer Zeit.

Der einfachste Weg schnell ein Stück freier zu sein, ist die eigenen materiellen Ansprüche nach unten zu schrauben. Wenig zu brauchen schafft Chancen. Künstlerischer, intellektueller und emotionaler Art.

Das klingt übrigens schwerer als ist. Wenn uns bewusst wird, dass Gekauftes selten ein Bedürfnis befriedigt, das in uns selbst wächst, sondern durch äußere Einflüsse, beginnen wir umzudenken. Dann realisieren wir, dass Bescheidenheit der Schlüssel zu einem erfüllten Leben sein kann.

Das heißt nicht, dass wir keine großen Ambitionen haben dürfen. Ich will nur sagen, dass es helfen kann anzuerkennen, dass man am Leben ist. Das ist die Grundlage. Die Basis. Bescheiden sein in der eigenen Existenz.

Wir schichten immer mehr auf unser Leben. Sammeln an. Halten Dinge für notwendig.

Nichts ist notwendig. Nicht der Job. Nicht das Auto. Nicht die Anerkennung. Noch nicht einmal die Liebe, auch wenn uns das am schwersten fällt. Notwendig ist nur, dass wir existieren. Bis wir es dann nicht mehr tun. Die bescheidenste Art zu sein.

Es gibt eine Menge erfolgreicher, materiell bescheidener Menschen. Konfrontiert mit großen Mengen Geld, verstehen sie, dass Konsum nur vom eigentlichen Sinn und der eigenen Weiterentwicklung ablenkt. Es lenkt davon ab ein Mensch zu sein, zu existieren.

Wal Mart Gründer Sam Walton fuhr einen Pick-up weil es damit einfacher war seine Hunde mitzunehmen. Großinvestor Warren Buffett wohnt seit 1958 im selben Haus. Facebook Gründer Mark Zuckerberg trägt einfache Shirts und Jeans. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad flog stets in der Economy Klasse.

Diese Sätze klingen für die Meisten immer unverständlich. Warum kauft jemand kein teures Auto, kein teures Haus, keine teure Kleidung und kein Privatjet, obwohl sie oder er es könnte? Diese Menschen mussten oder müssen nichts beweisen. Sie spielen keine Bescheidenheit vor. Sie tun es aus Überzeugung. Geld verändert zwar die eigenen Möglichkeiten, was aber noch lange nicht heißt, dass man sein Konsumverhalten dem steigendem Konto anpassen muss.

Materiell bescheiden zu sein, hält uns auch davon ab, persönlichen Erfolg, zu sehr mit finanziellem Erfolg in Verbindung zu bringen. Van Gogh verkaufte vor seinem Tod ganze zwei Bilder. Was nicht ausschließt, dass er zu Lebzeiten zufrieden mit seiner Arbeit war… ohne zu wissen, für wie viele Millionen seine Bilder heute verkauft werden.

Um meine Gedanken zur Bescheidenheit zum Abschluss zu bringen, muss ich kurz zum Regisseur Werner Herzog kommen. Er ist mittlerweile über 80, war und ist unglaublich produktiv und wird unter Filmemachern hoch geschätzt. Sein Leben lang hat er intuitiv und ohne große Budgets Filme gemacht. Schnell und unmittelbar. Seine Kunst, sein Ausdruck als Ziel.

Während eines Vortrags auf einem Filmfestival sagte er, dass es heute keine Entschuldigung dafür gäbe, seinen ersten Film nicht zu drehen. Alles was man bräuchte, wären 10000 Dollar. Dann müsste man einfach nur beginnen.

Das ist die Art von materieller Bescheidenheit, die künstlerische und kreative Freiheit schafft.

Am Abend sehe ich ein Podcast Interview mit ihm, dass in seinem Haus in Los Angeles stattfindet. Der Raum wirkt unscheinbar, funktionell. Bücherregale und einfache Möbel. Ein so angenehmes Bild.

Bis morgen.
An Tag 10819.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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