Sich permanent selbst in die Augen schauen | Tag 10814

Ich verlasse an Tag 10814 nicht die Wohnung, liege lange im Bett, schaue mir Dinge online an und schlafe immer wieder ein. Dieser Satz liest sich für mich wie ein absoluter Albtraum, aber ich spüre, dass ich so einen Tag brauche.

Ich genehmige mir teilnahmslos zu sehen und zu hören, bin nicht wirklich in der Lage etwas aufzunehmen oder zu verarbeiten. Alles wirkt entspannt und fließt an mir vorbei. Fühle mich leicht benommen.

Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat, mit seinem unverkennbaren deutschen Akzent, mal folgendes gesagt: „Never show anything to anyone in a documentary, they become self conscious“ Dieser Satz richtete sich an Dokumentar-Filmer. Sie sollten den portraitierten und befragten Personen kein Material im Prozess zeigen. Das würde dazu führen, dass sie sich selbst bewusst wahrnehmen würden, und das wiederum führe zu Hemmung und Unsicherheit. Aktuell bin ich konfrontiert mit permanenter Selbstdokumentation und Selbstinszenierung. Natürlich will ich das so, was nicht heißt dass es nicht auch bei mir zu Hemmung, Unsicherheit und Selbsthass führt. Sich permanent selbst in die Augen schauen, kann geistig leer machen.

Das einzige, dass nicht liegen bleibt ist das Video für den nächsten Tag. Ich lade es hoch, kurz bevor Melina um halb 6 wütend emotional von der Arbeit kommt. Sie muss verbal Frust ablassen. Während ich das hier schreibe, kocht sie sich Abendessen.

Wir haben beide Ablenkung nötig. Also schauen wir die neue Folge Ted Lasso. Eine Serie rund um einen American Football Trainer, der Coach eines Premier League Clubs wird. Sport steht, neben zwischenmenschlichen Beziehungen, dabei nur an zweiter Stelle. Die Serie ist kurzweilig, hat aber trotzdem Tiefgang. Vielleicht vergleichbar mit „Scrubs“.

Mit 7 Emmys ausgezeichnet und einer Imdb Bewertung von 8,8 in den USA schon lange kein Geheimtipp mehr, geht sie in Deutschland etwas unter, weil Apples Streaming Dienst, der die Serie exklusiv zeigt, bei uns wenig verbreitet ist.

Uns fehlt beiden Energie, deshalb bleiben wir liegen und öffnen die ARD Mediathek. Schaut ihr regelmäßig „Tatort“? Wir nicht.

Ich habe immer das Gefühl, dass die Qualität doch stark schwankt. An diesem Montag-Abend sorgt Lars Eidinger dafür, dass wir „Borowski und der gute Mensch“ eine Chance geben. Eidinger spielt darin zum wiederholten Mal den Serienmörder Kai Korthals. Es ist ein moderner Film, der sich nicht davor scheut verstörend gewagte Szenen zu zeigen. Mutig für einen Film der um viertel nach 8 ausgestrahlt wurde. Die Musikauswahl erinnert mich in den besten Momenten sogar an die Art, wie es auch Tarantino macht. Drastische Darstellungen mit Musik unterlegen, die für sich selbst eine andere Energie ausstrahlen würde. Szene und Musik gemeinsam erzeugen aber dann eine Spannung, die schwer zu erklären ist. Im Fall von „Borowski und der gute Mensch“ z.B. eine Tötungsszene, unterlegt mit deutschem Schlager. Der Soundtrack im allgemeinen ist stets bemüht Spannung aufzubauen. Für mich einen Tick zu viel. Eidinger ist weiterhin einer der besten deutschen Schauspieler. Man könnte ihn sich in großen Hollywood-Produktionen im Stil von Joker vorstellen. Ganz wenige sind in der Lage so im Moment zu sein. Diese Spannung im Gesicht, als würde es implodieren. Es zeigt den Zwiespalt von Menschen mit psychischen Störungen und macht den inneren Kampf des dargestellten Mörders für uns sichtbar. In wenigen Momenten fällt das Niveau ab. Dann gibt es mal eine Dialogzeile die überflüssig, einen Moment der unlogisch oder eine schauspielerische Leistung die nicht überzeugend ist. Das fällt aber nicht ins Gewicht. „Borowski und der gute Mensch“ ist definitiv empfehlenswert, auch für Menschen, die keine Tatort Fans sind.

Ich möchte Tag 10814 mit einem Zitat aus dem Film Himmel über Berlin enden. Dort heißt es:

„Zeit wird alles heilen, aber was ist wenn die Zeit selbst die Krankheit ist“

Bis morgen.
An Tag 10815. Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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