Alles zurück auf normal…? | Tag 10812

Tag 10812 beginnt mit einem Frühdienst in einer fremden Wohngruppe. Vier der Sieben Bewohner sitzen um 6 Uhr schon im Gruppenraum. Deluxe Music und das Morgenprogramm von ZDF und ARD halten sie beschäftigt bis ich die Pfannkuchen fertig habe und wir um 9 beginnen zu frühstücken.

Es ist nicht so, dass ich noch nie dort gearbeitet hätte. Jedoch immer als unterstützende Kraft und nicht allein. Ihr könnt euch vorstellen, wie junge Erwachsene mit geistiger Behinderung auf jemanden reagieren, den sie wenig kennen.

Unsicherheit auf beiden Seiten, die es gilt auszuhalten. Das einzige das hilft ist professionell zu sein. Ich verschaffe mir einen Überblick über die wichtigsten Abläufe, bereite die Medikamente vor und verabreiche sie. Ich bin Ansprechpartner, obwohl ich die Struktur nicht gut kenne und versuche ruhig zu bleiben.

Der Kontakt mit einem sehr freundlichen Vater, der sein Kind von Samstag auf Sonntag nach Hause holt, lässt mich mal wieder darüber nachdenken, wie Melina und ich reagieren würden, falls das eigene Kind eine geistige Behinderung hätte. Der Prozess dieses Kind möglichst früh in eine Einrichtung zu geben, fällt jedem schwer, ist aber in den meisten Fällen das Sinnvollste. Je älter, desto schwerer fällt dem Kind, und auch den Eltern, die Umgewöhnung.

Ich bin erleichtert als ich um 14 Uhr Feierabend machen kann. Die Anspannung, es könnte zu einer Situation kommen, die ich nicht lösen kann und die ungewohnte Geräuschkulisse haben mich herausgefordert.

Melina hat, nach einem Krankenhausbesuche, die Nacht im Elternhaus in Miehlen verbracht. Sie ist noch nicht da als ich zurückkomme und ich schaue beim Essen eine Snoop Dog Doku auf Arte. Der Mann hat viele verschiedene Gesichter. Mittlerweile gibt er meist den entspannten Kiffer und gleichzeitig erfolgreichen Geschäftsmann. Er ist Teil der amerikanischen Kultur, weil er, wie wenige andere, die Gewalt und Armut seiner Jugend in eine Erfolgsgeschichte verwandeln konnte. Themen wie Polizeigewalt und Rassismus, an deren Bekämpfung die USA auch heute noch oft scheitern, waren schon in den frühen 90ern Teil seiner Songs.

Kennt jemand noch Pete Doherty? Ich interessiere mich recht wenig für irgendwelche Promi-News stolpere aber über eine Bildserie in der ZDF heute App. Dort heißt es Pete Doherty, der Sänger der Babyshambles, der eine Beziehung mit Kate Moss führte, habe geheiratet. An sich nicht wirklich interessant, aber das zugehörige Bild berührt mich irgendwie. Da steht ein aufgedunsener Mann, den Drogen- und Alkoholmissbrauch, 10 Jahre älter wirken lassen, und hält, unsicher lächelnd, die Hand seiner Frau. Der abgehalfterte Rockstar, der eine Zeit lang kein Konzert zu Ende spielen konnte, wirkt glücklich in diesem Moment.

Melina kommt zurück und gegen Abend machen wir uns auf den Weg nach Mainz, um uns mit ihrer Schwester zu treffen. Als wir an diesem Samstag durch die Stadt laufen, habe ich seit eineinhalb Jahren zum ersten Mal das Gefühl, es gäbe keine Pandemie und ihre Maßnahmen. 2G sorgt dafür, dass Menschen in den Aussenbereichen dicht an dicht sitzen. Es sind wenig Masken zu sehen und es fühlt sich wieder natürlich an, sich näher zu sein. Ich denke das ist ein gutes Zeichen. Währenddessen wird die Pandemie als „Pandemie der Ungeimpften“ bezeichnet, weil überwiegend Menschen ohne Impfung auf den Intensivstationen um ihr Überleben kämpfen. Das Personal ist weiterhin überlastet und versucht alles Menschenmögliche um Leben zu retten. Oft ohne Rücksicht auf die eigene Psyche und den eigenen Körper. Das sollten wir bei aller Euphorie nicht vergessen.

Wir essen Burger und sprechen über hohe Mietpreise in Stadtnähe, die es erschweren eine Familie zu gründen. 1500 Euro Warmmiete ist für eine 4 Zimmer Wohnung, im Einzugsgebiet Frankfurt, mittlerweile günstig. Die Kaufpreise sind noch extremer. Dahingehend muss sich etwas ändern, sonst werden auch gut verdienende Paare sich ein Leben lang in Abhängigkeit befinden.

Wir laufen in Richtung Rheinufer. Überall Lichter und Musik.
Die Promenade wird durch die mobilen Lautsprecher der Jugendlichen in verschiedene Floors eingeteilt. Mit Blick auf den Rhein, Veganes Schoko Eis von N’eis essen und den Herbst-Abend genießen. Neben uns dröhnt endlich wieder Musik aus dem KUZ, sogar das Berghain in Berlin darf wieder öffnen. Alles wird lebendig. Alles scheint aufzuwachen.

Es war ein guter Abend.
Bis morgen an Tag 10813 Welcher Tag ist heute für dich?
Und was macht ihn besonders?

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