Was ist Heimat? | Tag 10810

Der 10810. Tag am Leben startet mit klarer Struktur. Trotzdem habe ich Zeit. Ohne Druck. Eigentlich wäre heute der letzte Spätdienst. Das hat sich gestern erledigt… für 2 Tage einspringen in der Nachbarwohngruppe. Das ist einer der Nachteile im sozialen Bereich. Die Arbeit mit Menschen kann logischerweise nicht liegen bleiben oder aufgeschoben werden. Dienste müssen abgedeckt sein, egal ob ein Mitarbeiter krank ist. Solidarität als Grundvoraussetzung.

10 meditative Minuten am Morgen ohne Fokus helfen mir anzunehmen, nicht zu wissen. Alles kommt und geht. Das klingt esoterisch und spirituell, aber jeder der diese Momente in den Tag und ins Leben einbindet, weiß was gemeint ist.

Ich muss darüber nachdenken, dass ein Großteil der Menschen wahrscheinlich in Kulturen aufwachsen, die nicht zu ihrer Art passen. Sich nicht zu Hause fühlen, nicht angenommen. Die wenigsten versuchen in einem anderen Land, einer anderen Kultur, mit anderen Grundsätzen zu leben. Seien wir ehrlich, die meisten Menschen auf dieser Welt haben überhaupt nicht die Möglichkeit. Es wird dort geblieben wo man aufwächst. In der Heimat. Diese Definition von Heimat ist doch irgendwie so unsinnig weil wir nicht entscheiden können, wo wir geboren werden. Heimat kann so vieles sein.

Andreas Altmann, der als Kind im bigotten, bayrischen Altötting der Nachkriegszeit aufwächst und von Vater und Lehrern misshandelt wird, weiß das. Er hat ein Buch über seine Heimaten geschrieben: „Gebrauchsanweisung für Heimat“ Hier ein Zitat:

„Man sieht, dass eine neue Heimat auf die man kein Geburtsrecht hat und deren Spielregeln man erst begreifen muss, viel inniger erfüllen kann als ein Fleck, den man als Geburtsort lieber verheimlichen möchte. Die Wissenschaft verweist auf die Plastizität des Gehirns. Das Herz versteht das nicht weniger: sich verändern, sich anpassen. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die zuerst so scheußliche, dann so fulminante Einsicht, dass in einem Menschenleben Ewigkeiten nicht stattfinden. Hält einer das aus, so hat er das Grundgesetz des Lebens verstanden.“

Andreas Altmann – Gebrauchsanweisung für Heimat

Meine Eltern lassen eine neue Pellet-Heizung in den Keller bauen. Statt Öl dienen kleine Holzstücke, die Pellets, als Energielieferant. Zur Herstellung von Pellets nach DIN-Plus oder ÖNORM werden zu 100 Prozent naturbelassene Holzreste verwendet. Dieser Rohstoff fällt in großen Mengen in Form von Hobel- oder Sägespänen als Abfallprodukt in der holzverarbeitenden Industrie an. Sie verbrennen CO2-neutral, weil nur so viel CO2 ausgestoßen wird, wie vorher vom Baum aufgenommen wurde.

Dafür mussten die Öltanks zersägt und die Trennmauer abgeschlagen werden. Heute befördern wir das Geröll nach oben. Im Nebenraum arbeiten die Elektriker daran einen Energiespeicher für die Solaranlage zu installieren. Praktisch ein riesiger Akku von BYD, der aussieht wie ein überdimensionierter Rechner aus den 90ern. Sonnen-Energie wird gespeichert, um sie in der Nacht und an Tagen ohne Sonne verwenden zu können.

Einfache Arbeit. Stein für Stein. Eimer für Eimer aus dem Keller tragen. Das tut nicht nur dem Körper, sondern auch dem Kopf gut. Ich habe eine Stunde zur Verfügung. Und genau nach einer Stunde sind wir fertig.

Jetzt noch in Ruhe etwas essen, duschen, 15 Minuten schlafen und dann zum Spätdienst, in dem ich mit 4 Jungs der Wohngruppe eine 12 Kilometer-Wanderung mache.

Es ist tolles Wetter und die Weinlese beginnt.

Abends brauche ich Schlaf.

Bis morgen Tag 10811
Welcher Tag ist heute für dich?
und was macht ihn besonders?

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