Umherschweifen | Tag 10799

Heute ist mein 10799. Tag am Leben.
In 106 Tagen werden Melina und ich eine dreimonatige Reise beginnen, deren Ziele, Pandemie-bedingt, weiterhin offen sind. Das Ziel ist so oder so zweitrangig. Die Art zu Reisen ist das worüber ich nachdenke während ich an diesem Sonntag Morgen durch den Wald gehe. Parallel zu den eigenen Gedanken höre ich „Vagabonding“ von Rolf Potts, ein schon 2003 erschienenes Buch, das sich mit langfristigen Reisen und der zugehörigen Einstellung beschäftigt.

Der Titel Vagabonding wird in der deutschen Ausgabe mit „Weltenbummeln“ übersetzt, obwohl wir den Begriff Vagabund und das zugehörige vagabundieren in der deutschen Sprache kennen.

Laut Definition ist ein Vagabund ein ohne Obdach umherziehender Mensch. Entlehnt wurde der Begriff dem spätlateinischen „vagabundus“ das „umherschweifend“ bedeutet.

Umherschweifend trifft genau das, was ich mir für unsere Reise erhoffe. Mit Handgepäck und ohne klares Ziel sich durch die fremde Welt treiben lassen. Keine Gedanken an die Rückkehr verschwenden. Nichts vorbestimmt. Jeden Tag etwas neu entdecken, dass schon Millionen vor uns für sich selbst entdeckt haben. Ohne Druck. Alles kann. Nichts muss.

Soweit zur Idealvorstellung. Aber bin ich dazu in der Lage? Bin ich in der Lage mich auf ein langsames Tempo einzulassen? Bin ich in der Lage mein verklemmtes Inneres fremden Menschen zu öffnen? Wie wird Melina das umherschweifen für sich interpretieren?

Wir sind nicht komplett unerfahren, hatten auf unseren größeren Reisen nach Vietnam und in die USA aber immer ein klar limitierendes Zeitfenster. Es war nötig vorzuplanen, um in zwei Wochen möglichst viel zu sehen. Und genau das kann eine Reise zerstören. Man darf diese vollgestopften zwei Wochen sowieso nicht als Reise bezeichnen. Es ist Urlaub. Urlaub unter Zeitdruck. Urlaub lenkt vom eigentlichen Leben ab, während es auf einer Reise um das Leben selbst geht.

Wie Rolf Potts in Vagabonding schreibt: „Der Wert deiner Reisen hängt nicht davon ab, wie viele Stempel du in deinem Pass hast, wenn du nach Hause kommst – und die langsame, differenzierte Erfahrung eines einzigen Landes ist immer besser als die eilige, oberflächliche Erfahrung von vierzig Ländern.“

Rolf Potts – Vagabonding

Aber zurück zu den eigenen Zweifeln. Mich verunsichert die Vorstellung einer großen Gruppe von jungen Reisenden in einem Hostel. Ich sehe mich nicht Geschichten austauschen und Joints am Strand rauchend, Freundschaften schließen. Ich nehme mich als Beobachter war. Außenstehend. Im Abseits. Suche nach Authentischem.

Aber ist nicht genau das der Trugschluss? Sich auf, in eigenen Augen, authentische Erlebnisse fokussieren? Was ist authentisch? Gesellschaften und Kulturen verändern sich heute schneller als je zuvor. Touristen-Hotspots sind nichts, was es unbedingt zu vermeiden gilt. Es gibt einen Ursprung für die Faszination dieser Ortes und vielleicht schafft man es, das Ursprüngliche neben den Souvenirs und Bucket-List Reisenden zu entdecken.

Auch der Kontakt muss sich nicht auf Einheimische beschränken. Sich mit anderen Reisenden auszutauschen kann Spaß machen, informativ und erfüllend sein.

Letztendlich sind es, wie so oft, die eigenen Selbstzweifel, die mich verunsichern.
– Ich bin der Meinung nicht unterhaltsam zu sein.
– Ich bin der Meinung verklemmt und angespannt zu sein.
– Ich bin der Meinung mich nicht auf das Umherschweifen einlassen zu können.

Und es sind folgende Eigenschaften, die mich ermutigen.
– Ich bin aufrichtig interessiert an Menschen, Kulturen und Dingen.
– Ich genieße es wenig zu besitzen.
– Ich bin in der Lage tiefe Begeisterung und Faszination zu empfinden.

Und die wichtigste Eigenschaft, die wir beide zu haben scheinen ist: Mut. Wir haben uns entschieden es zu tun. Unterwegs zu sein, umherzuschweifen, unser Geld fürs Leben auszugeben und nicht zum Anhäufen von Unnützem. Was bringt ein Haus, wenn man sein Leben, um es abzubezahlen, einschränken muss?

Greifbar wird die Reise, wenn der Zeitpunkt steht und der unbezahlte Urlaub, oder die Kündigung bestätigt ist. Dann beginnt die Vorfreude. Die Vorfreude auf Erlebnisse, die den eigenen Horizont erweitern und uns als Paar die Welt bedeuten.

Wir sehen und hören uns morgen. An meinem 10800. Tag. Welcher Tag ist heute für dich? Teile in den Kommentaren mit mir was diesen Tag besonders gemacht hat.

Zum Abschluss ein Zitat aus „Vagabonding“ von Rolf Potts.

„Auf diese Weise verbringen wir (wie Thoreau es ausdrückte) „den besten Teil unseres Lebens damit, Geld zu verdienen, um während des am wenigsten wertvollen Teils eine fragwürdige Freiheit zu genießen.“ Wir würden am liebsten alles stehen und liegen lassen und die Welt da draußen erkunden, sagen wir uns, aber die Zeit scheint nie reif zu sein. Und so treffen wir angesichts einer unbegrenzten Anzahl von Möglichkeiten keine einzige. Wenn wir uns in unserem Leben eingerichtet haben, sind wir so besessen davon, an unseren häuslichen Gewissheiten festzuhalten, dass wir vergessen, warum wir sie überhaupt wollten.“

Rolf Potts – Vagabonding
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