Demütig sein | Tag 10798

Es ist mein 10798. Tag am Leben. Ich lamentiere innerlich weil ich die letzten Tage unproduktiv war. Verwandle mich in ein nörgelndes unzufriedenes Wesen, dass aus irgend einem Grund nicht in der Lage ist zu tun was es sich vorstellt. Kindlich will ich etwas und denke dabei nur an mich.

In meiner lächerlichen Not gehe ich am Abend nach draußen und denke nach. Ich muss an Viktor E. Frankl denken. Einen österreichischen Neurologen und Psychiater, der seine Erfahrungen und psychologischen Beobachtungen in den Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands in einem Buch festgehalten hat.

Dieses Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ rückt die eigene Existenz, die eigene Unzulänglichkeit wieder in das richtige Verhältnis. Es enttarnt das eigene Nörgeln unmittelbar als anmaßende Frechheit. Es lässt mich direkt demütig werden. Fast schamhaft.

Es folgen einige Zeilen aus Viktor Frankls „Trotzdem Ja zum Leben sagen“, um die vorangegangen Worte greifbarer zu machen.

Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, läßt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Denn nicht nur ein tätiges Leben hat Sinn, indem es dem Menschen die Möglichkeit gibt, in schöpferischer Weise Werte zu verwirklichen; und nicht nur ein genießendes Leben hat Sinn, also ein Leben, das dem Menschen Gelegenheit gibt, im Erlebnis der Schönheit, im Erleben von Kunst oder Natur, sich zu erfüllen; sondern auch noch das Leben behält seinen Sinn, das – wie etwa im Konzentrationslager – kaum eine Chance mehr bietet, schöpferisch oder erlebend Werte zu verwirklichen, vielmehr nur noch eine letzte Möglichkeit zuläßt, das Leben sinnvoll zu gestalten, nämlich eben in der Weise, in der sich der Mensch zu dieser äußerlich erzwungenen Einschränkung seines Daseins einstellt. Das schöpferische wie das genießende Leben sind ihm längst verschlossen. Aber nicht nur schöpferisches und genießendes Leben hat einen Sinn, sondern: wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muß auch Leiden einen Sinn haben. Gehört doch das Leiden zum Leben irgendwie dazu – genau so wie das Schicksal und das Sterben. Not und Tod machen das menschliche Dasein erst zu einem Ganzen. Während die Bekümmerung der meisten der Frage galt: Werden wir das Lager überleben? Denn, wenn nicht, dann hat dieses ganze Leiden keinen Sinn – lautete demgegenüber die Frage, die mich bedrängte, anders: Hat dieses ganze Leiden, dieses Sterben rund um uns, einen Sinn? Denn, wenn nicht, dann hätte es letztlich auch gar keinen Sinn, das Lager zu überleben. Denn ein Leben, dessen Sinn damit steht und fällt, daß man mit ihm davonkommt oder nicht, ein Leben also, dessen Sinn von Gnaden eines solchen Zufalls abhängt, solch ein Leben wäre nicht eigentlich wert, überhaupt gelebt zu werden.

Frankl, Viktor E.. … trotzdem Ja zum Leben sagen (German Edition) (S.103-104). Kösel-Verlag. Kindle-Version.

In der Art, wie ein Mensch sein unabwendbares Schicksal auf sich nimmt, mit diesem Schicksal all das Leiden, das es ihm auferlegt, darin eröffnet sich auch noch in den schwierigsten Situationen und noch bis zur letzten Minute des Lebens eine Fülle von Möglichkeiten, das Leben sinnvoll zu gestalten. Je nachdem, ob einer mutig und tapfer bleibt, würdig und selbstlos, oder aber im bis aufs äußerste zugespitzten Kampf um die Selbsterhaltung sein Menschentum vergißt und vollends jenes Herdentier wird, an das uns die Psychologie des Lagerhäftlings erinnert hat , je nachdem hat der Mensch die Wertmöglichkeiten, die ihm seine leidvolle Situation und sein schweres Schicksal geboten haben, verwirklicht oder verwirkt – und je nach dem war er »der Qual würdig« oder nicht. Man denke nur nicht, daß derartige Überlegungen lebensfern oder weltfremd sind. Gewiß, solcher Höhe sind nur wenige und seltene Menschen fähig und gewachsen; nur wenige haben sich im Lager zu ihrer vollen inneren Freiheit bekannt und zur Verwirklichung jener Werte aufschwingen können, die das Leiden ermöglicht. Aber wenn es auch nur ein einziger gewesen wäre – er genügte als Zeuge dafür, daß der Mensch innerlich stärker sein kann als sein äußerliches Schicksal, und nicht nur im Konzentrationslager. Der Mensch wird allenthalben mit dem Schicksal konfrontiert und so vor die Entscheidung gestellt, aus seinem bloßen Leidenszustand eine innere Leistung zu gestalten. Man denke nur an das Schicksal kranker Menschen, besonders der unheilbaren. Ich selbst habe einmal den Brief eines relativ jungen Patienten gelesen, in dem er seinem Freund mitteilt, er habe soeben erfahren, daß er nicht mehr lange zu leben habe und ihm auch durch eine Operation nicht mehr zu helfen sei. Weiters schrieb er aber in diesem Brief, er erinnere sich gerade jetzt an einen Film, in welchem ein Mann dargestellt wurde, der mutig, würdig und tapfer seinem Tode entgegensah; damals, angesichts dieses Films, dachte unser Patient, es müsse dies »ein Geschenk des Himmels« sein, so aufrecht dem Tode entgegengehen zu können, und nun, schrieb er weiter, habe ihm sein Schicksal – diese Chance gewährt.

Frankl, Viktor E.. … trotzdem Ja zum Leben sagen (German Edition) (S.105). Kösel-Verlag. Kindle-Version.

Wir sagten vorhin, jeder Versuch, die Menschen im Konzentrationslager innerlich wieder aufzurichten, setze voraus, daß es uns gelingt, sie auf ein Ziel in der Zukunft hin auszurichten. Die Devise nun, unter der alle psychotherapeutischen oder psychohygienischen Bemühungen den Häftlingen gegenüber stehen mußten, ist vielleicht am treffendsten ausgedrückt in den Worten von Nietzsche: »Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.« Man mußte also den Lagerinsassen, sofern sich hie und da einmal die Gelegenheit hierzu bot, das »Warum« ihres Lebens, ihr Lebensziel, bewußt machen, um so zu erreichen, daß sie auch dem furchtbaren »Wie« des gegenwärtigen Daseins, den Schrecken des Lagerlebens, innerlich gewachsen waren und standhalten konnten. Umgekehrt: wehe dem, der kein Lebensziel mehr vor sich sah, der keinen Lebensinhalt mehr hatte, in seinem Leben keinen Zweck erblickte, dem der Sinn seines Daseins entschwand – und damit jedweder Sinn eines Durchhaltens. Solche Leute, die auf diese Weise völlig haltlos geworden waren, ließen sich alsbald fallen. Die typische Redewendung, mit der sie allen aufmunternden Argumenten entgegentraten und jeglichen Zuspruch ablehnten, lautete dann immer: »Ich hab ja vom Leben nichts mehr zu erwarten.« Was soll man demgegenüber nun erwidern?

Frankl, Viktor E.. … trotzdem Ja zum Leben sagen (German Edition) (S.116-117). Kösel-Verlag. Kindle-Version.

Mit diesen Gedanken und den folgenden Bildern verabschiede ich mich für heute. Bis morgen. An meinem 10799. Tag.

Welcher Tag ist heute für dich? Was macht ihn besonders?

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