Mein funktionelles Low Budget Youtube Studio… und auf was du beim Einrichten achten solltest.

Was ist überhaupt ein Studio und wer braucht es? Laut Definition könnte man es auch als Atelier, Künstlerwerkstatt oder Produktionsstätte bezeichnen. Das trifft es ziemlich gut. Für mich ist es ein Ort, dessen Funktionalität auf die Produktion der jeweiligen Kunst zugeschnitten ist. Wem Kunst zu groß ist, findet ein anderes Wort, um das zu beschreiben, was er oder sie produziert. Nur jemand, dem das eigene kreative Schaffen wichtig ist, wird sich einen Raum einrichten, der alle Werkzeuge leicht zugänglich macht und gleichzeitig als Rückzugsort vor äußeren Einflüssen dient.

Ein Studio, Atelier oder eine Produktionsstätte muss nicht stylisch sein. Es muss kein Loft in Berlin sein. Diese Orte sehen nach außen toll aus, sind aber oft viel weniger funktionell als kleine Räume. Es ist mehr Schein als Sein. Und das wollen wir doch alle vermeiden.

In meinem Fall tut es ein quadratischer Raum von ungefähr 8 Quadratmetern. Es könnte aber auch ein abgegrenzter Bereich im Wohn- oder Schlafzimmer sein. Jeder Platz an dem ihr auch mal etwas liegen lassen könnt. Ich habe Glück und darf einen Raum in unserer kleinen Wohnung fast ausschließlich für mich beanspruchen. Ein Privileg, das mich jeden Morgen aufs Neue glücklich macht.

Was habe ich getan um diesen Raum meinen Bedürfnissen anzupassen? Bei der Produktion von Videomaterial sind zwei Dinge von Entscheidender Bedeutung. Das Licht und die Akustik.

Ich wollte unabhängig äußeren Einflüssen sein. Zum Beispiel, eine durchziehende Wolke, die für wenige Sekunden das „Set“ verdunkelt. Es war mir wichtig einen Raum zu schaffen, in dem ich das Licht kontrollieren kann. Der erste Schritt war also die Verdunklung des Raums. Da hatte ich Glück. Ein Rolladen, der das einzige große Fenster verdunkelt war vorhanden. Ich musste mich nur noch um die Tür mit Glaseinsatz kümmern. Ein Teppich den ich vor der Tür platziere und bei Bedarf zusammengerollt in eine Ecke stellen kann, funktioniert perfekt. 

Mein Raum ist jetzt komplett dunkel und ich versuche, mit verschiedenen Lichtquellen, die Beleuchtung zu kreieren, die ich mir vorstelle. Den Hintergrund für meine Videos (den Backdrop) habe ich in dunklem blau gestrichen, um starke Reflexionen (von weissen Wänden) zu vermeiden. Dunkle Farbe „schlucken“ das Licht stärker als helle. Unkontrollierte Reflexionen sollte man vermeiden. In einigen Situationen kann man sich diesen Effekt aber auch bewusst zu Nutze machen.

Jetzt zu meinen Lichtquellen. Insgesamt sind es fünf. Eine günstige 120 W LED Pixel Videoleuchte mit 5600 K Lichtwärme (für die meisten Gelegenheit die passende Wärme, gerade für Hauttöne) Wichtig ist, dass die Lampe dimmbar, also variabel in der Lichtstärke ist. Das macht sie flexibel einsetzbar. Als nächstes nutze ich zwei GVM LED Videoleuchten, deren Lichtwärme und Intensität einstellbar ist, um meinen Hintergrund interessant zu beleuchten oder mich selbst vom Hintergrund abzuheben (Kontur schaffen indem die Leuchte von hinten auf einen selbst gerichtet ist). Die vierte Lampe ist eine standard Stehleuchte, die Teil meines Hintergrundes ist. Das macht die Szene interessanter. Außerdem ist sie energiesparend und dient mir als reguläres Licht, wenn ich kein Video produziere. Als fünfte Lichtquelle benutze ich ein kleines, flexibles LED Licht von Godox, um Highlights zu setzen.

Wichtiger als die Lichtquellen selbst ist oft die Veränderung der Lichtqualität.

Diffusion (Lichtstreuung), Lichtbrechung und Reflexion. Es geht um die Frage ob viel Kontrast oder wenig, weiches Licht oder hartes. Möchte ich nur einen bestimmten Punkt beleuchten und alles andere soll dunkel bleiben? (FallOff – Helligkeitsabfall zum Rand) Mit den passenden Diffusoren ist es möglich das Licht nach den eigenen Vorstellungen anzupassen. Ich nutze eine 8 eckige Softbox von Neewer für eine weiche, großflächige Belichtung eines Objekts mit relativ wenig Kontrast, einen Beauty Dish um einen starken Falloff-Effekt zu erzeugen (Hoher Helligkeitsabfall, ähnlich wie bei einer Spot-Beleuchtung) und eine selbstgebaute Möglichkeit Licht durch einen Vorhang zu streuen. Dafür habe ich eine Gardinenstange an der Decke angebracht und einen weissen, gerade so durchlässigen Vorhang daran befestigt. Diesen Vorhang ziehe ich bei Bedarf vor das Videolicht. Ich simuliere damit eine möglichst natürliche, große Lichtquelle (wie z.B. ein Fenster) Ein zu dünner Vorhang wird nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt, ist ein ordentliches Stativ mit Gegengewicht dass euer Videolicht inklusive Softbox halten kann. Ich nutze für diese Zwecke ein großes stabiles und günstiges Stativ von Neewer (Mit Gegengewicht).

Jetzt zur Akustik. Die Raumakustik ist von großer Bedeutung wenn ihr plant, eure Stimme aufzunehmen.

Es gibt einige Grundsätze, die ich hier anspreche. Das Thema kann aber auch sehr komplex behandelt werden (daher informiert euch für mehr Wissen weiter im Internet). Grundsätzlich wird Schall reflektiert. Eine glatte Betonwand wirft den Schall zurück und erzeugt Reflexionen, die wir als Echo oder Hall wahrnehmen (z.B. in Kirchen oder großen loft-artigen Räumen mit wenigen Möbeln) Dieser Hall Effekt ist manchmal gewünscht (z.B. bei Gesangsaufnahmen), meistens klingt ein weniger hallendes Signal (bei Stimmaufnahmen z.B. in Youtube Videos) aber sehr viel angenehmer und direkter im Ohr des Zuschauers.

Was kann man tun? Die glatten Wände und den Decken strukturell aufbrechen, um die Schallreflexion zu verhindern.

Jede Struktur in der sich Schall fangen kann, verhindert etwas die Reflexion. Ideal sind langhaarige Teppiche für den Boden, Schaumstoff-Platten für die Decke (Ich nutze dicke Standardplatten aus dem Baumarkt, die ich mit Silikon an der Decke befestigt habe…versucht es nicht mit Kleber, nutzt Sanitär Silikon! einfach und stabil) Es gibt natürlich auch spezielle Akustik-Schaumstoffe, deren Struktur noch deutlicher aufgebrochen ist (Pyramiden und Noppen z.B.) Auch schwere Vorhänge können einen Teil des Schalls schlucken. Kümmert euch auch um die Ecken der Räume (Dort entstehen oft ungewollte Frequenzen) Stellt zum Beispiel einen zusammengerollten Teppich in die Ecke (ich nutze den, den ich vor die Glastür stelle). Generell gilt: Je mehr Gegenstände im Raum stehen, desto eher „verfängt“ sich der Schall. Bücherregale, Tische, Stühle, vollbehangene Kleiderständer, Bilderrahmen einfach alles. Legt euren Raum akustisch „trocken“. Macht das so lange bis ihr den Nachhall als angenehm empfindet. Der Vorher-Nachher Effekt wird deutlich sein (Jeder kennt die Akustik in einer komplett leeren Wohnung)

Merkt euch: Ihr könnt einem akustisch trockenen Raum, in der Nachbearbeitung Hall hinzufügen aber könnt einen stark hallenden Raum nicht akustisch „trocken“ legen.

Jetzt könnt ihr mit der Stimmaufnahme beginnen. Wenn das Mikrofon nicht zu sehen sein soll, platziert ein Kondensator-Richtmikrofon, ich nutze das Rode Videomic NTG, über eurem Kopf (Mit Mikrofon-Galgenstativ) und lasst es auf euren Mund (Signalquelle) zeigen. Der Abstand sollte so gering wie möglich sein. Darf das Mikrofon zu sehen sein, gibt es verschiedene Möglichkeit, die sich zum Nahbesprechen eignen. Ich nutze das Shure SM7 B, einen echten Klassiker, der seit den 70er Jahren gebaut wird.

Nachdem wir jetzt die beiden wichtigen Themengebiete abgehandelt haben, kommen wir zu einigen Kleinigkeiten, die ich in einem Video-Studio für sinnvoll halte:

Hintergründe wechseln: Es gibt Gelegenheiten in denen ihr euren „klassischen“ Hintergrund durch etwas aufgeräumtes, einfarbiges Ersetzen möchtet. Das funktioniert am besten mit farbigen Papierrollen, die ihr bei Bedarf wechseln könnt. Dafür habe ich, oberhalb meines regulären Hintergrunds, eine Stange installiert, die auf zwei Gardinenstangenhalterungen liegt und sich jederzeit abnehmen lässt. Die farbigen Papierrollen schiebe ich auf die Stange und ziehe sie und dann hinter mir Richtung Boden. So entsteht ein farbiger Hintergrund. Möchte ich, wie viele Gamer es tun, im unteren Bildschirmrand ohne Hintergrund zu sehen sein, filme ich mich vor einem grünen Hintergrund und rechne die grüne Farbe mit einem passenden Programm heraus (Chroma Keying).

Nutzt einen kleinen Teleprompter um umfangreiche Informationen zu vermitteln. Auf diese Weise könnt ihr euer vorgeschriebenes Skript natürlich vortragen und schaut dabei in die Kamera. Das Skript lässt sich dann später sogar als Untertitel bei Youtube einfügen.

Stellt euch eine Uhr in euer Studio. So kann das Smartphone auch mal draußen bleiben und man schaut nicht ständig auf die Digitaluhr im Computer-Display.

Besorgt euch ein magnetisches Whiteboard um Ideen festzuhalten. Es ist auch möglich, Dinge, die euch sehr wichtig sind an die Wände zu schreiben. Es ist euer Raum!

Falls ihr keinen Platz für Studio-Monitore (Lautsprecher) habt, kauft euch Kopfhörer die zum Abmischen geeignet sind, also sehr neutral klingen. Wie z.B. die Sony MDR-7506.

Für Voice Over Stimmaufnahmen könnt ihr auch euren Schrank zum „Mini-Studio“ umfunktionieren. Zwischen den Hemden, T-Shirts und Pullovern hat der Schall keine Möglichkeit zu reflektieren, das Signal ist also sehr trocken.

Ich hoffe ich konnte euch ein paar Denkanstöße geben, warum ein eigenes kleines Studio sinnvoll für den kreativen Prozess ist. Es verändert das kreative Schaffen und macht vieles einfacher!

Wenn euch der Artikel geholfen hat, tut mir einen Gefallen. Klickt auf den Link und abonniert meinen Youtube Kanal. Ich danke euch!!

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