Ausgeliefert sein | Tag 10824

Tag 10824. Wie an den Tagen zuvor, habe ich Probleme früh aufzustehen.
Keine Ahnung woran das liegt. Wahrscheinlich am Herbst und der Dunkelheit.

An diesem Donnerstag besuchen wir Melinas Familie. Wir fahren eine Stunde durch Wälder. Dann kommen wir an.

Um das Haus herum ist die Erde aufgerissen um eine Drainage zu legen. Im Nachhinein aufwendig und kostspielig, aber notwendig. Bei Regen läuft Wasser in den Keller.

Melinas Vater hat einen längeren Krankenhausaufenthalt in zwei Kliniken hinter sich und er erzählt von seinen Erfahrungen. Vom Gefühl ausgeliefert zu sein. Nicht zu wissen was als nächstes passiert. Weil es niemand klar sagt. Kommunikation ist alles. Der Mensch steht viel durch, aber er muss wissen warum. Wenn er das nicht weiß, breitet sich Panik aus.

Abhängigkeit, Angst und zu viel Zeit um nachzudenken. Überfordertes, schlecht ausgebildetes Personal, dass teils vergisst wie wichtig Menschlichkeit ist. Es beunruhigt zu hören, wie groß die Unterschiede zwischen Krankenhäusern sind. Trotz gleichem Träger. Das heißt, dass Konzepte und Systeme schön und gut sind… es aber letztendlich auf die Menschen ankommt, die sich auf den Stationen um Patienten kümmern. Die einen behalten sich, trotz Stress, Empathiefähigkeit und Wärme, die anderen sehen den Beruf nur noch als Belastung. Sehen es als notwendiges Übel. Und das ist absolut nachzuvollziehen. Wir hören alle von zu wenig Personal, von Pflegenotstand. Hundertausende Stellen werden in den nächsten Jahren besetzt werden müssen. Deutschland ist abhängig von Pflegekräften aus dem Ausland. Ob die sich dazu entscheiden nach Deutschland zu kommen wird abhängig davon sein, welche Anreize geschaffen werden.

Das alles ist weit weg, bis man selbst betroffen ist. Dann spürt man auf einmal, was das überhaupt heißt. Was die Krankenhaus-Umgebung mit der Psyche macht. Wie Wochen zur Ewigkeit werden.

Davon zu hören, macht mir ein ungutes Gefühl. Niemand von uns hat es selbst in der Hand. Total egal wie gesund man lebt, wie sportlich. Und dann liegt man auf einmal da. Angewiesen auf Hilfe.

Ich bin froh, dass er es durchgestanden hat. Dass er jetzt zu Hause ist und sich erholt.

Melinas Oma bewirtschaftet einen Garten hinterm Haus. Gemüse, Obst, Hühner. Beeindruckt mich immer wieder. Ich habe selbst absolut keine Ahnung davon. Und in meiner Naivität romantisiere ich die Vorstellung für eigene Lebensmittel körperlich zu arbeiten. Harte, zeitintensive Arbeit.

Würde meinem Körper gut tun, mal wieder gefordert zu werden. Aber nicht immer tue ich das, was mir gut tun würde. Geht uns allen so, nehme ich an.

Bis morgen. Tag 10825.
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Anti-Vorbilder | Tag 10823

Tag 10823 Wir besuchen heute meine Oma zusammen.

Melina hat einen Ort gefunden an dem sie sich vorstellen könnte unsere Hochzeit zu feiern. Unsere Mittel sind begrenzt, oder sagen wir so, wir möchten sie begrenzen. Für unseren Moment, unsere Hochzeit werden wir uns nicht verschulden. Das Geld, das das wir haben investieren wir lieber in unser Leben. Während ich diese Zeilen tippe, höre ich die EP „Wintermusik„, von Nils Frahm. Wunderschöne Melodien, die genau zu einer Hochzeit zu passen scheinen… weil sie so vorsichtig und schlicht sind. Leise und gefühlvoll. Ganz nah, in kleinem Kreis, ganz still. So stelle ich mir unsere Hochzeit vor. Keine Spiele, keine peinlichen Vorträge. Nein, einfach im Moment sein. So sein dürfen wie man ist. Ich möchte mich nicht verstellen müssen. Nicht an diesem Tag. Es wird ein Kompromiss gefunden werden, denn Melina mag es etwas lauter und lustiger. Kann ich nachvollziehen.

Ich muss an Schlingensief denken. Regisseur und Künstler. Gestorben an Krebs. Ähnlich wie Herrndorf hat der das alles festgehalten. Es gibt ein Kapitel im letzten Buch, das sich mit seinem Leben und Sterben auseinandersetzt, in dem er, schon voller Metastarsen, über seine Hochzeit schreibt. Da habe ich wirklich geweint, weil es auf so schöne Art weh tut. Und wer am Ende dieses Videos ein wenig Zeit hat, der oder dem würde ich gerne dieses Kapitel aus „Ich weiß ich war’s“ vorlesen. So heißt das Buch.

Solche Menschen haben mich geprägt. Ohne Menschen wie Schlingensief wäre ich ein anderer. Und das hat er weitergegeben. Er hat es irgendwo her und gibt es weiter. Das ist es, was von ihm bleibt. Einfach dieses Gefühl etwas übers Lebens gelernt zu haben. Etwas, das einem nicht jeder beibringen kann. Das macht mich jetzt schon wieder traurig, wenn ich darüber nachdenke, dass der so früh sein Leben verloren hat.

Ich habe einen alten Theater-Flyer. Da habe ich irgendwann mal Menschen drauf geschrieben, die mich beeinflusst haben. Vorbilder wenn man so will. Da stehen Regisseure, Maler, Musiker und Schauspieler drauf. Leute, die mich begeistert haben. Die etwas in mir ausgelöst haben. Menschen, bei denen ich gedacht habe: „Ja, so stelle ich mir das vor.“ Ob das jetzt der Umgang mit Werten ist oder eine Art zu denken. Ob das mit Kunst oder dem künstlerischen Prozess zu tun hat. Die haben alle etwas in mir verändert. Mittlerweile führe ich diese Liste digital weiter.

Während ich über Vorbilder nachdenke, muss ich an diesem 10823. Tag auch über das Gegenteil nachdenken. So wie es wichtig sein kann, zu wissen wer man sein möchte, ist es andererseits auch wichtig zu wissen wer man auf keinen Fall sein möchte. Das fällt sogar manchmal leichter. Ist genauso mit Vorbildern. Es gibt Menschen, die einen so abstoßen, dass sich alles in einem sträubt. Trump ist so jemand, oder Klaus Kinski. (Kennt überhaupt noch jemand Klaus Kinski? Wen es interessiert, kann ihn mal bei Youtube eingeben…da weiß man direkt woran man ist und warum den nie jemand vermisst hat) Solche Menschen sind häufig abfällig, respektlos, frauenfeindlich, narzisstisch. Sie machen es Anderen schwer, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Grenzt man sich dann klar ab, entsteht ja auch Haltung. Dann entstehen Werte. Und erkennt man sich in irgend einer Art in diesen Anti-Vorbildern wieder, dann schrillen die Alarmglocken.

An diesem Tag sehe ich ein kurzes Interview mit dem Kommandeur der Bundeswehr. „Euer Kommandeur weint abends auch“ sagte er an die Truppe gerichtet. Er spricht vom Afghanistan Einsatz, von Moral, davon Entscheidungen zu treffen. Davon wie Frauen und Kinder aus Stacheldraht geschnitten werden mussten, vom nach Fäkalien stinkenden Flughafen, die letzte Möglichkeit das Land zu verlassen. Wer darf ins rettende Flugzeug und wer nicht? Er erinnert daran, dass die Veteranen nicht vergessen werden dürfen, die teils ihr restliches Leben gegen posttraumatische Belastungsstörungen kämpfen werden. Ein furchtbarer Gedanke aus Afghanistan abzuziehen und das Gefühl zu haben, dass der Einsatz, und damit auch das persönliche Risiko, komplett umsonst waren. Die Taliban sind an der Macht. Ab jetzt heißt es von außen zuschauen müssen, wie Menschenrechte keine Rolle mehr spielen, wie Frauen und Mädchen jeglicher Zukunftsperspektive geraubt werden.

Es ist ein Tag voller Gedanken, die mein Notizbuch füllen. Nicht immer nur positive. Aber auch im Negativen steckt etwas Ermutigendes.

Danke fürs Lesen.
Bis morgen an Tag 10824
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So belanglos wie LED Kerzen… | Tag 10823

10822 wird ein ruhiger Tag werden. Melina und ich haben frei, verbringen die meiste Zeit in der Wohnung.

Bis auf Vormittags, da gehen wir spazieren. Während wir eine unserer Standard-Runden drehen, biegen wir an einer Stelle in ein unbekanntes Gebiet ab. Obwohl uns nur 500 Meter vom Bekannten trennen, sieht alles anders aus. Manchmal muss man nicht weit reisen, sondern einfach vom Weg abkommen. Das fällt in gewohnter Umgebung schwerer. Zumindest geht es mir so.

Zurück in der Wohnung essen wir zu Mittag und schauen Gilmore Girls. Diese alte Serie, die ich zum gefühlt 5. Mal sehe (soviel zu allzu bekannten Dingen) schafft es immer noch Menschen zu unterhalten und zu berühren. Ich denke weil sie früh Dinge anders gemacht hat. Starke unabhängige Frauen, der Fokus auf komplexe Kommunikationen und Beziehungen. Die Serie zeigt kaum sexualisierte Inhalte. Alles bleibt unterschwellig und lässt dem Zuschauer Raum für die eigene Vorstellung.

Wer sich nicht durch den, in die Jahre gekommenen, Look und die 8 Staffeln abschrecken lässt, bekommt eine Serie voller gut geschriebener Charaktere, subtilem Humor und Tiefgang.

Ich verbinde das mit meiner Jugend. Eine Freundin hatte mich davon überzeugt, dass es nicht nur für Frauen sei. Hat mir und meiner Entwicklung als Junge gut getan.

Melina versucht zu flechten. Sie ist angespannt weil es nicht funktioniert. Um etwas Neues zu lernen, braucht es Übung. Viel Übung. Das setzt Durchhaltevermögen voraus. Immer wieder Scheitern., dranbleiben. Disziplin. Hat man die nicht, wird es, wenn man kein Kind mehr ist, schwer.

Sie hat sich außerdem neue Kopfhörer gekauft. Hauptsächlich wegen Noise Cancelling. Für die langen USA Busfahrten im Januar.

Nach einem Mittagsschlaf schauen wir kurz bei meiner Mutter vorbei. Wir sprechen über die schwierige Situation mit Oma und wie Melina und ich in Zukunft wohnen könnten. Der Gedanke an einen hohen Kredit macht mir Angst. Ich habe das Gefühl nichts schränkt mich mehr in meiner Freiheit ein, als die Verpflichtung große Summen Geld zurückzuzahlen. Gleichzeitig verstehe ich, dass Melina die Wohnung zu klein wird. Dass sie sich einen Rückzugsort wünscht. Dass sie daran denkt, dass wir irgendwann eine Familie gründen. Meine zweite Angst ist, wir könnten beginnen Dinge anzusammeln.

Abends sehen wir für einige Momente die sehr schlechte neue Justin Bieber Dokumentation auf Amazon Prime. Es ist eigentlich ein Konzertfilm, zwischendrin mal eine belanglose Szene aus dem Leben des Sängers und seiner Frau. Permanentes sich selbst in den Himmel heben. Alles wirkt irgendwie unecht. Wie eine dieser schrecklichen elektrischen Kerzen, die bei meiner Mutter stehen. Man sieht etwas, dass Gefühle auslösen soll. Aber es fehlen Geruch, Wärme und Geräusche.

Was macht eine gute Dokumentation aus? Also die echt Kerze, um diesen Vergleich weiterzuführen.

Für mich sollte eine Dokumentation kritisch sein, sollte Realität abbilden, sollte uns, den Zuschauern, etwas bieten, das wir nicht kennen, aber trotzdem nachvollziehen können. Eine gute Dokumentation sollte verschiedene Meinungen zulassen, echte Emotionen zeigen, Wahrheit, Tiefe.

Um diesen Tag abzuschliessen, hier meine drei, bis zu diesem Tag, liebsten Dokumentationen.

Grizzly Man zeigt einen, sich der Gesellschaft nicht zugehörig fühlenden, Mann, der sein Leben in Gesellschaft von wilden Bären verbringt…bis er gefressen wird)

Some Kind of Monster zeigt die größte Heavy Band, Metallica, die fast am Erfolg und zu großen Egos zerbricht)

One More Time with Feeling zeigt den Künstler Nick Cave, wie er nach dem tragischen Tod einer seiner Söhne, wieder beginnt ein Album zu schreiben.

Bis morgen an Tag 10823.
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Was wir eigentlich sagen wollen… | Tag 10821

Es ist Tag 10821 am Leben und gestern ging es um Einsamkeit. Ein Blick von außen, weil wenn ich eines nicht bin, dann einsam. Und das liegt überwiegend an ihr.

Dass ich mein Leben mit Melina teilen kann, bedeutet mir alles. Wir alle wissen, wie schwer es ist, Gefühle in Worte zu fassen. Es gibt keine Worte.

Auch das Wort Liebe scheitert bei dem Versuch die Komplexität unserer Gefühlswelt zu umschreiben.

Mit „ich liebe dich“ möchten wir sagen, dass uns jemand wichtig ist, dass unser Leben weniger erfüllend ohne sie oder ihn wäre. Wir möchten sagen, wie dankbar wir sind. Wie viel Angst wir haben. Wie unsicher.

Wir möchten sagen, dass wir Bilder im Kopf haben, die uns glücklich an fremden Orten zeigen. Dass wir Freuden-Tränen sehen und Schmerz.

Wir möchten sagen, dass unsere Leben irgendwann enden, aber wir es kaum erwarten können bis dahin zu leben.

Mit „ich liebe dich“ möchten wir sagen, wie viel uns die Nähe, die Wärme und Zuneigung bedeutet. wie viel es uns bedeutet, zuzuhören und gehört zu werden.

Wir sind verletzlich und unsicher. Sind verloren in dieser Welt, bis jemand kommt der alles lindert. Die großen Gesten, das Gehabe. Alles nichts wert wenn man auf einmal versteht was Zweisamkeit bedeutet. Ganz leise und klein und wichtig.

Wir öffnen uns einander. Und das hört sich nicht spektakulär an. Aber es ist mehr als ich jemals erwartet habe.

Natürlich sind wir verschieden. Und das ist gut so. Führt zu Spannung, wird laut, nur um danach wieder leise zu werden. Vorsichtig, zärtlich und Zerbrechlich.

Melina, du bist so vieles für mich. Viel mehr, als du für möglich hältst. Viel mehr, als das, was ich mit Worten beschreiben könnte.

Bis morgen an Tag 10822.
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Einsamkeit | Tag 10820

Tag 10820 beginnt mit Frühdienst. Ich warte zwei Stunden bis der erste ausgeschlafen hat.

Schlimmer als mit Menschen zusammenwohnen zu müssen,
die man sich nicht aussucht, ist wohl nur die Einsamkeit.

(Auszüge aus einer regionalen Werbezeitung)

„Ich bin der Mann, der bleibt, treu, lustig ist, dich verwöhnt. Otto, 82 Jahre, 1,8 m. Seit 18 Monaten verwitwet und bin vom Kopf frei für einen neuen Lebensabschnitt. Ich bin ein lustiger, charmanter, mittelschlanker Herr mit den Hobbys: Kreuzfahrten, Gesellschaftsspiele und Kreuzworträtsel, welche ich gerne zusammen mit Ihnen lösen möchte. Suche eine natürliche Partnerin in meinem Alter, hier aus der Region, für gemeinsame Unternehmungen oder bummeln im Park.“

Otto, 82

„Er, ende 50, sportlich, gepflegt, finanziell großzügig, sucht Frau für lockere Beziehung.“

Anonym

Elfie, 62 Jahre: „Sparsam, nachgiebig, mit schöner weiblicher Figur, früh verwitwet. Suche einen lieben Gefährten, der eine ehrliche, fürsorgliche Frau vermisst. Habe Sehnsucht nach Zweisamkeit, möchte wirklich nicht länger alleine bleiben, könnte dich kurzfristig mit einem Auto besuchen.“

Elfie, 62

Einsamkeit ist nicht erst seit der Pandemie ein Problem und betrifft auch nicht nur die Alten. Studien zeigen, dass Einsamkeit das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Depressionen, Demenz und einen frühen Tod erhöhen. Wohl so schädlich wie Adipositas oder Rauchen.

Die Altersgruppe, die prozentual am einsamsten ist: Mittdreißiger. 18 Prozent der Menschen zwischen 30 und 34 fühlen sich demnach einsam.

Woran liegt das? An fehlenden Beziehungen? Freundschaften? Ist Social Media ein Auslöser? Oder sind die Erwartungen an einen potenziellen Partner, einen Freund, oder sich selbst, einfach zu hoch?Vielleicht spielt die Angst sich zu binden, und damit die Angst zu altern eine Rolle. Es ist nur möglich Fragen zu stellen. Beantworten muss sich das jeder selbst.

Ausgerechnet die FDP hat im Mai 2019 eine kleine Anfrage, zum Thema, an die Bundesregierung gestellt, nachdem „die Linke“ das schon vor einigen Jahren getan hatte.

Im Vorwort der Anfrage ist von „erheblichen, gesamtwirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen“ für die Gesellschaft die Rede.

In Japan, Großbritannien, Dänemark und Australien würde Einsamkeit bereits als ein ernstzunehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit wahrgenommen.

In 15 Fragen will die FDP in ihrem Schreiben wissen, ob die Bundesregierung Einsamkeit als Problem begreift und welche konkreten Maßnahmen und Initiativen umgesetzt werden sollen.

Die Beantwortung bleibt auf 7 Seiten meist vage.

Hier zwei Zitate der Bundesregierung:

„Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass Einsamkeit als ein gesamtgesellschaftli- ches Phänomen angesehen wird, das diverse Lebensbereiche berührt und sich in der Arbeitswelt, im Freizeitverhalten, in der Gestaltung sozialer Beziehungen und generell in der Partizipation am Leben in der Gemeinschaft manifestiert. Angaben über Einsamkeit spiegeln in ganz allgemeiner Form gesellschaftliche Verände- rungen wider – die Einengung auf den Bereich der öffentlichen Gesundheit wäre eine unangemessene Verkürzung der Bedingungen und Auswirkungen von Ein- samkeit.“

Bundesregierung

„Außerdem können auch die Instrumente und Maßnahmen der Arbeitsförderung und der Grundsicherung für Arbeitsuchende, die in den Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales fallen und die die Eingliederung in Arbeit zum Ziel haben, mittelbar als Maßnahmen zur Verringerung von Einsamkeit angesehen werden. Denn Arbeit bedeutet zugleich Teilhabe, soziale Kontakte und Anerkennung. Somit ist Arbeit nicht nur wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern auch für jeden Einzelnen.“

Bundesregierung

Die Arbeit ist also der Schlüssel. Ist ja nicht ganz falsch, aber einfach richtig deutsch.

Es ist außerdem die Rede von Mehrgenerationenhäusern, es gibt wohl 540 davon. Niedrige zweistellige Millionenbeträge stehen einigen Initiativen zur Verfügung. Ein Tropfen auf den heissen Stein.

Auch wenn die Einsamkeit ein eher subjektives Phänomen ist, gibt es auch Menschen, die objektiv betrachtet, einfach isoliert sind. Diese Menschen sind häufig in einer sozial, sowie wirtschaftlich prekären Situation.

Der Staat könnte handeln, könnte Kampagnen starten, könnte Studien in Auftrag geben und Konzepte umsetzen. Vereinsamung bekämpfen. Auch wenn das Alles für Politik schwer zu greifen ist. Es wäre mehr möglich und nötig. Gerade nach diesen zwei Jahren im Ausnahmezustand.


Ich habe gestern schon kurz den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf erwähnt. Und ich muss schon wieder an ihn denken. Der Mann hat Jahre gegen einen Hirntumor gekämpft und alles in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ festgehalten. Der ist übrigens immer noch online und hat nichts an Kraft verloren.

Es gibt eine Suchfunktion. Und wenn man da „einsam“ oder „Einsamkeit“ eingibt, werden nur wenige Einträge angezeigt. Obwohl es keinen einsameren Weg gibt. Keinen persönlicheren. Der Weg in den Tod. Trotzdem schreibt er nicht direkt davon, sondern es klingt in fast jedem Beitrag einfach mit.

Am 7.11. 2010 um 15:05 Uhr schreibt er:

„Wohnungsbesichtigung in Charlottenburg. Der Versuch, mein Leben nicht in einer dunklen 1-Zimmer-Hinterhofwohnung ausklingen zu lassen, erweist sich als schwierig. Nie im Leben einen Pfennig Schulden gehabt, durch Tschick Geld wie Heu auf dem Konto, aber kein Einkommensnachweis. Ohne Bürgschaft meiner Eltern käme ich an keine Wohnung ran. Auch insofern vorteilhaft, sie nicht zu überleben. Die Wohnung allerdings nicht besonders schön, beim Blick ins Badezimmer sehe ich die zukünftige Blutlache auf den Fliesen, und weitere Besichtigungen schaff ich nicht. Macht alles zu viel Umstände. Allein die Angst vor dem Papierkram.“

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur Blog

28.11. 2010 19:34

Spazierengegangen Richtung Alexanderplatz. Über den Jahrmarkt gelaufen, mit der Wilden Maus gefahren. Die Einsamkeit der letzten Jahre.

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur Blog

Herrndorf beging am 26. August 2013 Selbstmord. Er schoss sich in der Nähe des Strandbads Plötzensee mit einem Revolver in den Kopf. Der Revolver liegt im deutschen Literaturarchiv Marbach. Ich weiß nicht ob ich das makaber finde, oder nicht.

Bis morgen an Tag 10821.
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Mit Erzieher*in aufwachsen | Tag 10819

Es ist Tag 10819, ein Samstag. Ich stehe um sieben auf und gehe nach draußen. Die gleichen Wälder, Wiesen und Weinberge… und doch immer etwas anders. Fühlt sich an wie Winter diesen Morgen. Die Luft ist feucht und zwischen den Bäumen bilden sich diese Lichtkanäle, die aussehen wie natürliche Scheinwerfer.

Während ich unterwegs bin, höre ich die neu erschienene Autobiografie von Dave Grohl, dem Foo Fighters Frontmann und Nirvana Schlagzeuger. Er liest „Storyteller„, so hat er das Buch genannt, selbst. Ein großer Vorteil, der die Geschichten im Buch noch unterhaltsamer macht.

In den ersten 90 Minuten geht es ums Altern, um seine Beziehung zu den Töchtern und seiner Mutter und wie er als 14 Jähriger zum Punk-Rock kam.

Dave Grohl erzählt davon, wie er es kaum mit ansehen kann, als seine kleine Tochter Schmerzen ertragen muss, davon wie es sich anfühlt wenn man nur noch so glücklich ist, wie sein unglücklichstes Kind. Er spricht als Vater. Nicht als Rockstar.

Zwischen 11 und 13 Jahren entwickeln Kinder ihren eigenen Charakter. Sie beginnen eigene Vorstellungen zu haben, Pläne zu schmieden und auf Ziele hinzuarbeiten. Sie werden sich bewusst, dass sie selbst irgendwann erwachsen sein werden, dass sie irgendwann nicht mehr nur ein Teil der eigenen Eltern sind.

Ich habe zwar keine Kinder, bin aber im Job an der Erziehung von 6 Jugendlichen beteiligt. Und ich stelle mir regelmäßig die Frage: „Was kann ich zur Charakterentwicklung beitragen? Wie kann ich einen jungen Menschen stärken, selbstbewusst, und ja auch mutig machen. Habe ich überhaupt noch Einfluss wenn das Gegenüber sich mitten in der Pubertät befindet?

Es sind Herbstferien in Hessen und das heißt, dass ich an diesem Samstag mit nur 2 Bewohnern den Tag verbringe. Der Rest ist zu Hause bei den Eltern. Wir wollen eigentlich wandern. Eine Vollsperrung durchkreuzt den Plan und wir fahren weiter nach Mainz um durch die Stadt zu laufen und Lebensmittel einzukaufen.

Mir wird bewusst wie viel Aufmerksamkeit ich beiden geben kann. Der Normalzustand, in dem 6 junge Männer, mit allen Mitteln, permanent versuchen gehört und beachtet zu werden, lässt das normalerweise nicht zu. Heute ist Zeit miteinander zu sprechen, auf Bedürfnisse einzugehen. Ich spüre wie viel Zuneigung beide brauchen. Niemand muss kämpfen und schreien. Es herrscht für einige Stunden Normalität, die allen gut tut und die nicht lange anhalten wird.

Wie interpretiert man die Rolle als Erzieher? Zu freundschaftlich? Klar genug? Wie viel traut man zu? Wie viel nimmt man ab? Wann braucht es Struktur und wann müssen selbst Erfahrungen gemacht werden. Erziehung ist ein ewiges Abwiegen und ein Vertrauen auf die eigene Intuition.

Eine gute Grundlage ist vielleicht immer das zu tun, was den jungen Menschen ermutigt und im Heranwachsen unterstützt.

Alles wiederum, was klein hält, was Angst macht, was das Leben des Kindes erschwert, sollte man unbedingt sein lassen.

Während wir im Hugendubel sind, steht einer der Jungs an der Kasse und ruft durch den kompletten Laden. „Ich muss kurz mal meinen Erzieher fragen“. und läuft auf mich zu. Das zeigt wie normal es für ihn ist, einen Erzieher zu haben. Es ist nicht peinlich, nicht unangenehm, es ist einfach normal. Ein seltsamer Gedanke. Er kauft mit 14 Jahren den 1000 Seiten Klassiker Moby Dick. Habe ich Jugendbücher empfohlen? Ja Ist es meine Entscheidung? nein

Abends sitzen wir auf dem Sofa und lesen abwechselnd aus Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Wir lachen Tränen als in Kapitel 6 von Brettfeld die Rede ist. Herrndorf ist jetzt 13 Jahre tot. Es fehlen Menschen mit klarer einfacher Sprache. Oder warum sonst wird „Tschick“ immer noch von jeder Schulklasse gelesen?

Während ich vor Lachen nicht mehr in der Lage bin zu lesen, kann ich mir mich als Vater vorstellen. In anderen Momenten, dann überhaupt nicht mehr. Vorhin habe ich meine Exemplare von „Robinson Crusoe“ und „Der letzte Mohikaner“ für den Frühdienst morgen in den Rucksack gepackt. Bücher helfen der Charakterbildung.

Bis morgen an Tag 10820.
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Bescheidenheit | Tag 10818

Es ist Tag 10818. und wieder Zeit für einen Besuch bei Oma. Ich fahre den Rhein entlang. Fahre für ein paar Minuten rechts ran, weil die Szene einfach wunderschön ist. Die Menschen in ihren Autos hinter mir sind auf dem Weg zur Arbeit. Pünktlich. Für mich sind sie in diesem Moment nur ein Hintergrundrauschen.

Da wären wir wieder beim Thema. Was musste ich aufgeben, dass ich statt im Auto zur Arbeit, am Rheinufer sitze? Das was ich aufgegeben habe sind neue Dinge, die nichts anderes tun als die alten Dinge. Ich habe einige Ablenkungen aufgegeben, die Geld kosten. Habe aufgehört zu glauben, dass eine große Auswahl von allem, glücklicher macht.

Also sitze ich in meiner alten schwarzen Jeans und meinem einfachen Kapuzenpulli am Rhein. Brauche nichts außer Zeit.

Der einfachste Weg schnell ein Stück freier zu sein, ist die eigenen materiellen Ansprüche nach unten zu schrauben. Wenig zu brauchen schafft Chancen. Künstlerischer, intellektueller und emotionaler Art.

Das klingt übrigens schwerer als ist. Wenn uns bewusst wird, dass Gekauftes selten ein Bedürfnis befriedigt, das in uns selbst wächst, sondern durch äußere Einflüsse, beginnen wir umzudenken. Dann realisieren wir, dass Bescheidenheit der Schlüssel zu einem erfüllten Leben sein kann.

Das heißt nicht, dass wir keine großen Ambitionen haben dürfen. Ich will nur sagen, dass es helfen kann anzuerkennen, dass man am Leben ist. Das ist die Grundlage. Die Basis. Bescheiden sein in der eigenen Existenz.

Wir schichten immer mehr auf unser Leben. Sammeln an. Halten Dinge für notwendig.

Nichts ist notwendig. Nicht der Job. Nicht das Auto. Nicht die Anerkennung. Noch nicht einmal die Liebe, auch wenn uns das am schwersten fällt. Notwendig ist nur, dass wir existieren. Bis wir es dann nicht mehr tun. Die bescheidenste Art zu sein.

Es gibt eine Menge erfolgreicher, materiell bescheidener Menschen. Konfrontiert mit großen Mengen Geld, verstehen sie, dass Konsum nur vom eigentlichen Sinn und der eigenen Weiterentwicklung ablenkt. Es lenkt davon ab ein Mensch zu sein, zu existieren.

Wal Mart Gründer Sam Walton fuhr einen Pick-up weil es damit einfacher war seine Hunde mitzunehmen. Großinvestor Warren Buffett wohnt seit 1958 im selben Haus. Facebook Gründer Mark Zuckerberg trägt einfache Shirts und Jeans. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad flog stets in der Economy Klasse.

Diese Sätze klingen für die Meisten immer unverständlich. Warum kauft jemand kein teures Auto, kein teures Haus, keine teure Kleidung und kein Privatjet, obwohl sie oder er es könnte? Diese Menschen mussten oder müssen nichts beweisen. Sie spielen keine Bescheidenheit vor. Sie tun es aus Überzeugung. Geld verändert zwar die eigenen Möglichkeiten, was aber noch lange nicht heißt, dass man sein Konsumverhalten dem steigendem Konto anpassen muss.

Materiell bescheiden zu sein, hält uns auch davon ab, persönlichen Erfolg, zu sehr mit finanziellem Erfolg in Verbindung zu bringen. Van Gogh verkaufte vor seinem Tod ganze zwei Bilder. Was nicht ausschließt, dass er zu Lebzeiten zufrieden mit seiner Arbeit war… ohne zu wissen, für wie viele Millionen seine Bilder heute verkauft werden.

Um meine Gedanken zur Bescheidenheit zum Abschluss zu bringen, muss ich kurz zum Regisseur Werner Herzog kommen. Er ist mittlerweile über 80, war und ist unglaublich produktiv und wird unter Filmemachern hoch geschätzt. Sein Leben lang hat er intuitiv und ohne große Budgets Filme gemacht. Schnell und unmittelbar. Seine Kunst, sein Ausdruck als Ziel.

Während eines Vortrags auf einem Filmfestival sagte er, dass es heute keine Entschuldigung dafür gäbe, seinen ersten Film nicht zu drehen. Alles was man bräuchte, wären 10000 Dollar. Dann müsste man einfach nur beginnen.

Das ist die Art von materieller Bescheidenheit, die künstlerische und kreative Freiheit schafft.

Am Abend sehe ich ein Podcast Interview mit ihm, dass in seinem Haus in Los Angeles stattfindet. Der Raum wirkt unscheinbar, funktionell. Bücherregale und einfache Möbel. Ein so angenehmes Bild.

Bis morgen.
An Tag 10819.
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Nighttime Sadness | Tag 10817

An Tag 10817 am Leben limitiere ich mich. Ich limitiere mich in diesem Moment, in dem ich beginne den Eintrag zu schreiben. Eine Stunde um zu schreiben, das Voice Over aufzunehmen und das Video zu schneiden. Stunden zuvor habe ich genau das gleiche schon einmal gemacht. Dieses Mal ging es um Musik.

Alles beginnt mit einem aktuellen Metallica Interview. Zane Lowe und die 4 Bandmitglieder sprechen für Apple Music über die zwischenmenschlichen Kämpfe der Vergangenheit, die großen Egos und den Erfolg des schwarzen Albums vor 30 Jahren.

Am Anfang des Gesprächs fällt der Begriff „Nighttime Sadness“. Er beschreibt das Leben vieler Menschen in Los Angeles und anderswo auf Welt, die am Tag versuchen es zu schaffen, und nachts einsam und desillusioniert in ihren Wohnungen sitzen. So viele Menschen versuchen etwas. Und nur wenige schaffen das was sie sich erträumt haben. Die Gründe dafür, spielen gerade keine Rolle. Es ist dieses Gefühl ein Versager zu sein, einsam zu sein. Nur ein kleiner Fisch im Meer, ohne Relevanz.

Ich höre diese zwei Worte „Nighttime Sadness“ und will ein Lied für das heutige Video machen. Also stelle ich den Timer und beginne einfach. Ich habe ewig keine Musik gemacht aber was bedeutet das überhaupt? In diesem Moment ist es einfach ein Spiel. Völlig naiv will ich herangehen. Will mir erlauben das Gefühl zu haben, nichts zu kennen. Keine Muster, keine Akkordstrukturen. Einfach Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Gelerntes vergessen um Dinge zu schaffen, die intuitiv sind. Zu viel theoretisches Wissen, zu klare Vorgaben sorgen für Vorhersehbarkeit.

Neigen wir zu häufig dazu uns darüber zu definieren was wir wissen? Wir wissen was funktioniert, was Erfolgreich ist, aber es macht selten Spaß Dinge zu wiederholen. Die ersten Male sind voller Spannung. Voller kindlicher Vorfreude. Die ersten Male definieren uns.

Es macht Freude zu spielen. Nicht Musik zu machen. Keine Ansprüche an sich selbst haben. Sondern einfach nur spielen.

Ich versuche Sounds zu finden, die mir gefallen und die ich mit Nighttime Sadness verbinde. Es beginnt zu fließen. Ich denke nicht an das Ergebnis, sondern versuche im Prozess zu bleiben. Ganz bewusst. Zeitlich begrenzt. Nicht Abschweifen.

Kreativität und Produktivität kommen zusammen in dieser Stunde. Die Freiheit sich zu begrenzen. Das klingt erst einmal als würde es sich ausschließen. Aber Produktivität heißt nichts anderes als…

…mehr in weniger Zeit zu schaffen. Ein oft besseres, intuitiveres Ergebnis zu erhalten und in der Folge mehr Zeit für etwas anderes zu haben.

Wie Elon Musk einmal twitterte: „Wenn du dir 30 Tage Zeit nimmst, um dein Haus aufzuräumen, wirst du auch 30 Tage dafür brauchen. Wenn du dir aber 3 Stunden Zeit nimmst, wird es 3 Stunden dauern. Das Gleiche gilt für deine Ziele, Ambitionen und dein Potenzial.“

Bis morgen an Tag 10818.
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Die Alten sind schuld?! | Tag 10816

Am Abend des 10816. Tags höre ich Peer Steinbrück bei Markus Lanz über zentrale Themen sprechen, die in der öffentlichen Debatte und im vergangenen Wahlkampf, seiner Meinung nach, unterrepräsentiert waren. Als Themen nennt er die gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels, die Finanzierung des Rentensystems und stellt dann folgende Frage, die mich seitdem beschäftigt:

Wie entwickelt sich eine Gesellschaft die immer älter wird, (…) und auf Status-Quo Interessen orientiert ist. (…) Wie ist es um die Innovationsfähigkeit und um die Neugier einer Gesellschaft bestellt, die immer älter wird?

Wir reden häufig von notwendigem Fortschritt, gesellschaftlicher Progression. Den Klimawandel stoppen. Dabei vergessen wir, dass jüngere Menschen eine Minderheit sind. Eine Pressemitteilung des statistischen Bundesamt vom 30. September 2021, spricht davon, dass sich die Zahl, der im Rentenalter befindlichen Personen bis zum Jahr 2035 um 16 Prozent auf 20 Millionen erhöhen wird.

Wir erwarten also Neugier von Menschen, denen die moderne Welt immer fremder wird. Menschen, die aus Unsicherheit beginnen, Ängste zu entwickeln. Außerdem sind wir der Meinung, dass die Lebensweise dieser Generation unsere aktuell so schwierige Lage ausgelöst hat.

Die Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft, die zu viele Autos besitzt und fährt, die überall hin fliegt, die Wasser verschwendet und jeden Tag Fleisch ist. Sind wir denn heute wirklich so anders?

Wir vergessen dass unsere Unbeschwertheit auf diesem Leben aufgebaut ist. Wir vergessen, dass wir, die jüngeren Generationen, in der Lage sind, Zustände in Frage zu stellen, weil es uns an nichts fehlt. Es fehlt uns nicht an Materiellem und häufig auch nicht an emotionaler familiärer Zuwendung.

Die Rentengenerationen von heute haben zwar größtenteils nicht mehr den Krieg erlebt aber sie wurden in der Nachkriegszeit sozialisiert. Die Gesellschaft brauchte Sicherheit und neigte sich hin zum Konservativen. Ohne viel Risiko ein strukturiertes Leben führen. Nicht zu viel hinterfragen. Eine Norm. Ein Standard. Eine Gesellschaft, die nach dem Kriegstrauma, wieder funktionieren musste.

In dieser Zeit wuchsen die Rentner von heute auf. Das sollte uns bewusst sein, wenn wir fordern nach vorne zu denken, Lebensstile zu verändern oder Risiken einzugehen.

Es geht kein Weg daran vorbei. Dinge müssen sich verändern. Aber wie können wir als Gesellschaft und Politik, vorsichtig Neugier wecken? Vielleicht sind die „Fridays for Future“ Bewegungen zu laut, zu forsch. Sie lösen bei vielen Gegenreaktionen aus. Was nicht heißt, dass sie nicht absolut notwendig sind.

Die Frage ist doch, schaffen wir es, einen konstruktiven Ton in der Debatte zu finden, der auch ältere Menschen einlädt in die Zukunft zu denken? Schafft es die gespaltene Gesellschaft sich wieder anzunähern. Die Alten sind nicht die Bösen weil sie nicht tun was nötig ist. Sie haben einfach Angst. Sie hatten und haben ein gutes Leben. Sie wollen keine Veränderung.

Und trotzdem ist es nötig sie zu erreichen, sie mit ins Boot zu holen. Weil es eben um die Zukunft geht.

Der Regisseur David Lynch sagte: „Wenn Menschen älter werden, schließt sich ihr Fenster zur Welt“

Wir sollten alles daran setzen, dass sich diese Fenster nicht schließen. Anschuldigungen sind ein sicherer Weg, dass genau das passiert.

Vielleicht sollten wir älteren Menschen zutrauen zuzuhören, auch wenn die Worte nicht aus Megafonen dröhnen.

Bis morgen.
Tag 10817
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Kein Abo hält ein Leben lang! | Tag 10815

Heute ist Tag 10815 am Leben. In der Nacht habe ich mein Adobe Creative Cloud Abo gekündigt. Monatlich 12 Euro um die Bildbearbeitungsprogramme Lightroom und Photoshop zu verwenden. Selten einen Kündigungsprozess erlebt, der so stark durch Manipulation dafür sorgen möchte, dass man bleibt. „Sie haben direkt keinen Zugriff mehr“ „Ihnen werden 44 Euro in Rechnung gestellt für den restlichen Vertragszeitraum, die Funktionen enden aber schon in 14 Tagen“ Adobe will Aussteigern in diesem Moment sagen: „Du kannst ohne uns nicht kreativ sein. Du bist abhängig von unserer Software“ Angst-Manipulation, die die Kreativität des Anwenders in Frage stellt.

Wir wissen es alle besser. Kreativität ist unabhängig von den Werkzeugen und es gibt für alles Alternativen. Auch für Lightroom und Photoshop. Also scheiss auf Adobe.

Diese Art von Abos vermitteln einem den Eindruck, dass sie fürs Leben sind. Einmal rein, nie wieder raus. Gut für Adobe und seine Aktionäre. Schlecht für den Anwender. Pure Abhängigkeit.

Um dann die letzten Reste der Creative Cloud vom Rechner zu bekommen muss man ein bestimmtes Deinstallations-Programm herunterladen und ausführen. Adobe rät natürlich strengstens davon ab… Die nehmen einfach ungern den Fuß aus der Tür. Ich überlege aktuell ernsthaft ob ich unsere Adobe Anteile verkaufe.

Die Abo Kündigung ist Teil einer digitalen Aufräumaktion. Sich wieder mal fragen: „Was brauche ich? und was nicht?“ So lässt sich Geld sparen. Dann geht es weiter zur Festplatte des Rechners. Große Dateien, die ich nicht brauche. Programme die ich nicht nutze. Alles kommt weg. Digitalen und materiellen Ballast abwerfen.

Kommen wir zu etwas Inspirierendem. Christoph Waltz wurde gestern 65 Jahre alt. Das allein reicht natürlich nicht aus um uns zu inspirieren… Der Schauspieler und sein Leben aber tun es. Arte zeigt eine sehenswerte Dokumentation über seine Grundsätze, seinen schauspielerischen Ansatz und seinen Lebensweg. In „Christoph Waltz – Der Charme des Bösen“ kommt er häufig selbst zu Wort. Und das ist spannend weil er ganz genau weiß wer er ist und was er will. Der weltweite Ruhm und die beiden Oscars kamen spät in seiner Karriere. Durch Rollen in Inglorious Basterds und Django Unchained. Das macht ihn entspannt. Er muss nichts beweisen, ist nicht bemüht einen Mythos zu kreieren. Pragmatisch und klar. Subtil und Intelligent. „Er könne nur gut sein, wenn’s gut geschrieben ist“ sagt er und teilt damit die Aufmerksamkeit mit dem Drehbuch und dessen Verfasser.

„Ich lege Wert darauf, dass ich bisweilen sehr genau bin. Dass ich sogar auf Satzzeichen achte. Ich improvisiere nicht. Überhaupt nicht. Nie. Es geht nicht dass man sagt: die Rolle ist nicht so gut aber der Schauspieler ist wahnsinnig gut, der wird das schon hinbiegen. Das geht schief. Das funktioniert nicht. Die Rolle muss gut sein und dann muss der Schauspieler richtig sein. Und so lassen sich Geschichten erzählen. Das ist wie in der Politik.

Warum nehmen wir Christoph Waltz das Böse, das Diabolische so sehr ab? Weil er dem bösen Normalität verleiht, Rationalität. Und das macht Menschen gefährlich. Er weiß wie man eine Maske trägt und das lässt seine Darstellung abgründiger Charaktere so realistisch wirken.

„Was man so im Genre Kino oft als Böses bezeichnet ist nicht Böse. Die reissende Nazibestie mit den fletschenden Zähnen ist nicht gefährlich…die ist dumm.“

Laut Christoph Waltz gibt es in der Schauspielerei kein gut und schlecht. Es gibt nur richtig. Für jede oder jeden würde es eine Rolle geben, in der sie oder er brillieren könne. Schwer ist nur diese Rollen den richtigen Menschen zuzuordnen.

Tage ohne zeitliche Struktur fallen mir schwer. Mit Zeit in den Tag hineinleben hat in mir das Resultat zur Folge, dass ich mich verliere. Ich sehe nicht klar, was vor mir ist, was ich erreichen möchte. Es klingt seltsam, aber manchmal ist ein limitierender Tag, an dem man noch einen Dienst auf der Arbeit macht, produktiver. Erfüllter. Das ist nicht immer so. Aber heute.

Am Abend sehe ich eine 15 Minuten Kurzdokumentation von Tracks (die unter Arte moderne Musikthemen behandeln). Es geht um Denis Berger, oder PVLACE, wie man ihn in der Hip Hop Branche kennt. PVLACE ist 25 Jahre alt, lebt in Heilbronn und hat ausgesorgt. Er kreiert für amerikanische Rap-Größen Beats. Genau betrachtet schreibt er Loops, sozusagen die Melodie der Beats. Die Drumparts kommen von anderen Produzenten. Zusammen bilden Loop und Drums dann den Beat über den gerappt wird. Die Branche ist mittlerweile global und die Nachfrage nach Musikstücken unglaublich groß. Amerikanische Rapper sind fast täglich im Studio und produzieren immer mehr Musik. Es muss permanent für Nachschub gesorgt werden. So kommt es, dass ein großer Teil der Musik dieser Acts aus Europa stammt. Der Produzent trifft den Rapper nur in den seltensten Fällen. Es gibt heute kein klassisches Künstler / Produzenten Verhältnis. Auch weil der Fokus auf einzelnen Liedern und weniger auf einem Gesamtkunstwerk liegt. Das erinnert an die 50er und frühen 60er Jahren in denen Songwriter, z.B. im Brill Building in New York, Hits am Fließband produzierten. Jede Etage hatte kleine Büros mit Klavieren und einfachen Aufnahmegeräten. Es war praktisch ein Bürojob. Man kam morgens auf die Arbeit, schrieb Songs und machte abends Feierabend.

Damals wie heute ist das die effizienteste Art Musik zu produzieren und Geld zu verdienen. Es bietet nicht die höchste künstlerische Qualität, dafür Quantität.

Der Inbegriff von pragmatisch.

Enden will ich heute mit einem Zitat der Produzentenlegende Rick Rubin:

„One of the things that can slow down the creative process, or completing a work, is the unrealistic search for perfection.“

„Eines der Dinge, die den kreativen Prozess oder die Fertigstellung eines Werks verlangsamen können, ist das unrealistische Streben nach Perfektion.“

Rick Rubin

Bis morgen.
An Tag 10816.
Welcher Tag ist heute für dich?
…und was macht ihn besonders?

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